Weilheim und Umgebung

Wie das Öl in den Stein kam

Geologie Vor über 150 Jahren wurde im Albvorland nach „schwarzem Gold“ gesucht. Doch auf den Ölrausch folgte schnell die Katerstimmung, denn mit Schieferöl ließ sich kaum Geld verdienen. Von Daniela Haußmann

Qualmende Felder und beißender Gestank hielten 1668 die Menschen in Bad Boll auf Trab. Unter ihren Füßen brannte sprichwörtlich der Boden. Um sich warm zu halten, hatten ein paar Arbeiter ein Feuer entfacht, das sie nach Feierabend nicht löschten. Über Nacht setzten die Flammen das Schiefervorkommen in Brand. Sechs Jahre zogen ins Land, bis ein paar Bürger einen Graben um die Lagerstätte zogen und dem Spuk so ein Ende bereiteten. Das durch die hohen Temperaturen freigesetzte Öl schöpften die Bauern ab, um es weiterzuverkaufen.

 

Foto: Daniela Haußmann

Das „schwarze Gold“ der Schwaben beflügelte die Fantasien. Die Aussicht, ein stattliches Vermögen zu machen, lockte so manchen ins Albvorland. Über viele Jahrhunderte hinweg gab es bei Ohmden, Zell, Boll und Holzmaden Schieferbrüche, die aus Unachtsamkeit immer wieder in Brand gerieten. Was lag da näher, als die offenkundig vorhandenen Vorkommen auszubeuten. 1862 wurde genau das in Holzmaden versucht. Allerdings mit wenig wirtschaftlichem Erfolg. Die Gründe dafür liegen in dunkler Vorzeit und sind eng mit der Frage verbunden, wie das Öl in den Stein kam.

Meer: lebensfeindliche Zone

Einer, der das wissen muss, ist Dr. Roland Krämer. Er ist nicht nur Landschaftsführer am Naturschutzzentrum Schopflocher Alb, sondern vor allem auch Geologe. Vor 180 Millionen Jahren, in der Schwarzjurazeit, war Südwestdeutschland von einem Binnenmeer bedeckt. Das Leben spielte sich in jenen Tagen in den oberen, sonnendurchfluteten Wasserschichten ab. „Der Meeresgrund hingegen war eine lebensfeindliche Zone, in der es kaum Sauerstoff und Licht gab“, sagt Krämer. Deshalb konnten die abgestorbenen Pflanzen und toten Tieren nicht verwesen. Stattdessen begann das organische Material in der Tiefe zu verfaulen.

Dabei bildete sich über Jahrmillionen ein mächtiges Paket aus Faulschlamm, das unter Druck zusammengepresst wurde. Der Schiefer, der dabei entstand, weist daher einen Bitumengehalt von drei bis 12 Prozent auf. „Um das Öl freizusetzen, muss man das feste Gestein erhitzen“, erklärt Ralf Kromer, der in Ohmden einen Schieferbruch betreibt. Aus seiner Sicht verrät schon der Bitumengehalt, dass diese Art der Ölgewinnung ein schlechtes Geschäft ist. „Die Kosten, die beim Abbau und der Energiezufuhr entstehen, kann die gewonnene Menge nie aufwiegen“, bilanziert der Experte.

Der Versuch, dem Schwarzen Jura „flüssiges Gold“ zu entziehen, beschränkt sich daher vorwiegend auf Kriegs- und Notzeiten. So entstanden im Ersten Weltkrieg beispielsweise in Göppingen-Holzheim die Juraölschieferwerke, die die Ölgewinnung forcierten. Dass in dem asphaltgrauen bis tiefschwarzen Gestein mehr steckt als ein fossiler Brennstoff, war bereits im Mittelalter bekannt. Schon damals bauten die Menschen Fleins ab. „Die etwa 18 Zentimeter dicke Gesteinsschicht liegt unter dem Ölflöz“, erzählt der Senior-Chef des Ohmdener Schieferbruchs. Dank seines Kalkgehaltes ist der Fleins splitter- und wetterfest.

Ölschiefer für Fensterbecken

„Fleins zeichnet sich durch eine gute Wärmespeicherfähigkeit aus“, fährt der Fachmann fort. „Schon im Mittelalter hat man ihn daher als Bodenbelag verbaut.“ Aber auch Fensterbänke, Kachelöfen, Spülbecken, Tischplatten oder Treppen lassen sich aus dem Ölschiefer anfertigen. Das Gestein ist auch als Posidonienschiefer bekannt.

Foto: Daniela Haußmann

Weltberühmt ist das Gestein für seine he­rausragende Fossilerhaltung. Kurt Kromer stieß in den Schichten, die er Stück für Stück abträgt, schon auf Saurier, deren Haut so gut erhalten war, dass er jede einzelne Pore erkennen konnte. Möglich macht das die Sauerstoffarmut. Bislang hat mit Steinöl zwar niemand den großen Reibach gemacht, dafür hat die Gier nach dem Rohstoff etwas nicht minder Wertvolles hervorgebracht: Die Erkenntnis, wie im einstigen Jurameer Versteinerungen entstanden sind und wie sie sich präparieren lassen.

Auf den Spuren der Erdgeschichte

Im Schieferbruch Kromer können nicht nur Schulklassen in die Erdgeschichte eintauchen. Auch Besuchergruppen haben die Möglichkeit, in der Abbaustätte interessante Fakten über die Entstehung von Posidonienschiefer und Fossilien zu erfahren. Wer mehr über die Gewinnung, Verarbeitung und Verwendung der Gesteinsart in Erfahrung bringen will, ist ebenfalls eingeladen, den Betrieb in Ohmden zu besuchen. Kinder können mit Hammer und Meißel nach Versteinerungen suchen.

Der Betrieb ist noch bis zum 31. Oktober von Montag bis Sonntag zwischen 9 und 17 Uhr geöffnet. Detaillierte Infos gibt es unter www.schieferbruch-kromer.de.dh

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