Weilheim und Umgebung

Wie ein Buch entsteht

Die portugiesische Gruppe „Projecto Anagrama“ gastiert in der Grundschule Bissingen

Bissingen. Bei jeder Zugfahrt wird es deutlich: Es wird weniger gelesen. Früher lasen Fahrgäste meist ein Buch oder eine Zeitung, um die Zeit zu nutzen, heute sitzen sie gebeugt

über ihren Smartphones. Pädagogen beklagen, dass speziell Kinder das Lesen nicht mehr als Freizeitvergnügen betrachten. Lesen ist Welterfassung und es aktiviert die Phantasie. Das ist speziell im Kindesalter wichtig.

Um die Lust am Lesen zu beleben, haben die Schulen einen jährlichen „Fredericktag“ ausgerufen, benannt nach Frederick aus dem Kinderbuchklassiker von Leo Lionni. Der Fredericktag wird an der Bissinger Grundschule besonders intensiv gefeiert. Das liegt an Martin Wetzel, einem engagierten Lehrer und an Wolfgang Rose, einem kooperativen Schulleiter, und, speziell in diesem Jahr, an einem spendablen Förderverein. Dieser Förderverein der Schule und des Kindergartens hat es finanziell möglich gemacht, ein unglaublich reichhaltiges zweitägiges Programm anzubieten, das sind: eine Lesung mit Juma Kliebenstein, ein Vorlesewettbewerb, ein Vorlesemarathon, eine Bücherrallye quer durch Bissingen, ein Bücherkaffee und ein Flohmarkt.

Am spektakulärsten war sicherlich am Montagmorgen der Auftritt der portugiesischen Gruppe „Projecto Anagrama“ mit dem programmatischen Titel „Einband, Blätter und Schrift“. In einem großen Halbrund saßen erwartungsfrohe Grundschüler aus Bissingen und Nabern in der Bissinger Sporthalle.

Eine junge Frau im roten Mantel betritt die Halle, zieht den Mantel aus, schaut ins Publikum und versucht dabei mehrmals, mit einem Arm den Mantel aufzuhängen. Ein Haken ist aber nicht da, wie die Kinder ihr gleich mitteilen. Danach kämpft sie mit einem Telefon. Die Kinder weisen sie lauthals darauf hin, wie man das Telefon verkabelt, damit es funktioniert. Schließlich packt sie Bücher aus, schlägt eines auf und beginnt zu sprechen: „Es war einmal. So beginnen Märchen und Geschichten. So können wir erfahren, was andere Menschen erlebt haben...“

Jetzt geht die Tür auf und ein junger Mann kommt herein. Es ist Albertino. Sein Kopf ist vollgestopft mit so viel Ideen, dass er darunter leidet, so berichtet die Frau. Das einzige, was ihm Erleichterung bringt, ist das Schreiben. Albertino schreibt mit einem Federkiel, dann mit einer Schreibmaschine. Nicht nur der Verstand, sondern auch sein Herz ist dabei beteiligt. Die beschriebenen Blätter knüllt er zusammen und wirft sie auf den Boden. Das befriedigt auf die Dauer nicht. Er möchte seine Botschaft anderen mitteilen. Er stopft die Blätter in eine Mappe und bringt sie in eine Druckerei.

Offener Umbau und Umkleiden. Jetzt ist der junge Mann ein dickbäuchiger Druckereibetreiber. Mit einer Druckpresse à la Gutenberg druckt er die Blätter zu einem Buch mit dekorativem Einband.

In groben Zügen sollen die Kinder also begreifen, wie ein Buch entsteht. Das hört sich nach Lernstoff an, ist aber bei „Projecto Anagrama“ eine Unterrichtsstunde voller Gelächter und Szenenapplaus. Für die junge Akteurin, eine Holländerin, und den jungen Akteur, einem Portugiesen, scheint die Welt nur aus Spielgeräten zu bestehen. Bücher werden zu Schmetterlingen, Druckstempeln zu Waffen. Mit allem und auf allem wird artistisch balanciert. Am meisten staunt man, wenn er mit Bällen zaubert und sie auf einem Seil spaziert. Musik wird effektvoll und präzise eingesetzt. Und vor allem: Sie verstehen es, als versierte Straßentheaterprofis das Publikum einzubinden, was bei einem ganz jungen Publikum besonders wichtig ist. So verging die immerhin volle Stunde wie im Flug.

Es bleibt zu hoffen, dass die Fredericktage die gewünschte Wirkung ausüben.

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