Weilheim und Umgebung

Wie im Paradies: der Sortengarten

Wanderung Schon viele Informationen im Kopf und einige Kilometer in den Beinen hatten die Teilnehmer der ­Sommertour mit Andreas Schwarz, als sich in Bissingen alles rund ums Thema Streuobst drehte. Von Iris Häfner

Andre Baumann und Andreas Schwarz lassen sich von Rudolf Thaler (von links) die alten Obstsorten erklären. Fotos: Jean-Luc Jacqu
Andre Baumann und Andreas Schwarz lassen sich von Rudolf Thaler (von links) die alten Obstsorten erklären. Fotos: Jean-Luc Jacques

Die Schattenplätze am Sportlerheim in Bissingen sind begehrt, die Wartenden stehen oder sitzen unter den Bäumen. Fast pünktlich kommen Andreas Schwarz, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag, und Dr. Andre Baumann, Staatssekretär im Umweltministerium, am Nachmittags-Treffpunkt an. Am Morgen führte die Sommertour des Kirchheimer Landtagsabgeordneten an die Wernauer Baggerseen und auf das Hofgut Tachenhausen bei Oberboihingen, wo die Bienen - und die Verkostung von zwölf Honigsorten - im Mittelpunkt standen.

Die erste Etappe des Nachmittags ist kurz, sie führt zum nahegelegen Bissinger See. Zu diesem Zeitpunkt ist die Welt noch vermeintlich in Ordnung, Badegäste tummeln sich im Wasser - seit gestern ist das wegen vieler toter Fische nicht mehr möglich. Siegfried Nägele ist in einer Doppelfunktion aktiv - als stellvertretender Bürgermeister und Vorsitzender des Kreisbauernverbands - und stellt am Ufer seinen Ort vor.

Kaum sind die letzten Häuser passiert, ist Rudolf Thaler, Erster Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins (OGV), in seinem Element. Die Gruppe steht auf seiner Baumwiese. „Viele meinen, der Klimawandel kommt erst. Aber der ist längst schon da. Es ist hanebüchen, was man zu diesem Thema alles lesen muss“, spricht er Klartext. Der leidenschaftliche Obstbauer beobachtet des Wetter genau und zieht seine Schlüsse. Als Folge hat er auf seinem Gütle einen Versuch gestartet und zwei Edelkastanienbäume gepflanzt, die heuer ihre ersten Früchte tragen. „Die zählen als Nüsse, wobei der Baum zu den Buchengewächsen zählt“, erklärt er, derweil sich fast alle Gäste am benachbarten Mirabellenbaum laben.

Immer wieder kommt Rudolf Thaler auf den Nutzen eines guten Obstbaumschnitts zu sprechen. Er ist Anhänger der Oeschberg-Methode und wird nicht müde, deren Vorteile hervorzuheben. Ein wichtiger Punkt: Alle Äste, auch die unteren, bekommen Sonneneinstrahlung. Der Star auf dem Stückle ist jedoch der große Kirschbaum. Rolf Braun vom Nabu hat 1987 alle Bäume auf Bissinger Markung kartiert und festgestellt: Thalers Exemplar ist mit drei Metern Stammumfang das größte seiner Art. Der Naturschutz hat nun eine zweite Zählrunde hinter sich. „Es sind tatsächlich mehr Obstbäume geworden. Jetzt habe ich 15 240 gezählt, damals waren es rund 13 700 Bäume“, sagte er.

Weiter geht‘s den Berg hoch übers „Nebelhäusle“, erbaut 1804 auf einem Wengert, wie die Inschrift verrät, zum Sortengarten des OGV. Dort warten Kaffee und Kuchen auf die Wanderer, die Pause wird dankbar angenommen, ehe die Früchte der einzelnen Bäume in Augenschein genommen werden. Nie gehörte und gesehene Sorten wie Sonnenwurzapfel, Rote Herbstkalvill, Englische Spitalrenette oder „Prinz Albrecht von Preußen“ sind auf dieser Wiese zu bestaunen. Dem Erhalt dieser alter Obstsorten kommt in Zeiten des Klimawandels eine besondere Bedeutung zu. Welche Sorten zeigen sich robust gegen Hitze und wenig Wasser? Nur wenn man aus dem Vollem schöpfen kann, findet man geeignete Sorten.

„Erhalten, was uns erhält“, lautet das Motto von Andreas Schwarz. Er spricht von einer patriotischen Aufgabe, die heimische Landschaft durch Essen und Genießen zu erhalten. „Wir müssen über den Klimawandel reden, das ist kein Randthema mehr“, ist er überzeugt.

Andre Baumann kommt aus dem Schwärmen nicht heraus, reiht regelmäßig Superlative an Superlative: „Das ist eine der schönsten Ecken des Landes. Es ist unser Tafelsilber, was Natur- und Kulturerlebnis betrifft, mit all seinen Vor- und Nachteilen - und damit eine Herausforderung für alle Beteiligten.“ Mit den Kalkbuchenwäldern, den Streuobstwiesen und Wacholderheiden sei es die artenreichste Landschaft im Land und damit das ökologisch wertvollste Fleckchen. „Das müssen wir in die Zukunft retten“, so Andre Baumann. Sein Glück ist am Tagesziel perfekt: Er sitzt unter freiem Himmel im Hofcafé mit Blick auf die Eichhalde. Exakt dieses Motiv ziert das Titelbild auf seiner Facebook-Seite - und riesengroß sein Büro.

Sommertour mit Andreas Schwarz -  Altsortenmuttergarten
Sommertour mit Andreas Schwarz - Altsortenmuttergarten
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