Weilheim und Umgebung

Wiesensteig gibt seinen „Hexen“ die Ehre zurück

Geschichte 111 Frauen und ein Mann wurden ab 1526 in Wiesensteig als „Hexen und Zauberer“ verbrannt. Die Kommunalpolitiker wollen diese Opfer rehabilitieren. Von Sabine Graser-Kühnle

Mord verjährt nicht. Und Politiker, in diesem Fall Kommunalpolitiker, dürfen in Ausnahmefällen auch rechtliche Urteile außer Kraft setzen. Dieser Auffassung sind die Stadt Wiesensteig und der Gemeinderat. Bei den „Morden“ handelt es sich um Verbrennungen von Hexen als Umsetzung der von weltlichen Richtern aus dem Mittelalter verhängten Urteile. Diesen „Opfern“ will Wiesensteig, aufgrund einer „ethischen Verpflichtung“ ihnen gegenüber, ihre Ehre zurückgeben.

Die Stadt und der Gemeinderat haben jetzt eine Resolution beschlossen, wonach die im Mittelalter in Wiesensteig verurteilten und verbrannten „Hexen und Zauberer“ rehabilitiert werden. Denn in der kleinen Grafschaft Helfenstein ereignete sich im 16. Jahrhundert die erste große Hexenverfolgung Deutschlands nach der Reformation.

1562 wurden die ersten sechs Frauen, die angeblich durch Hexerei einen Hagelsturm ausgelöst haben sollen, durch Ulrich von Helfenstein als Hexen hingerichtet. Im selben Jahr wurden 61 weitere Frauen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Stolz verkündete man in einem Pamphlet von den „wahrhafftigen unnd erschreckliche Thatten und Handlungen der 63 Hexen unnd Unholden, so zu Wisenstaig mit dem Brandt gerichtet worden seindt“. Bis 1611 ging diese Hexenjagd. Von etwa 111 Frauen und einem Mann ist bekannt, dass sie in Wiesensteig verbrannt wurden.

Nie sind die Opfer rehabilitiert worden, sie gelten bis heute als schuldig im Sinne der Anklage.“ Diese Worte richtete Jörg Schaber, damals Pfarrer der evangelischen Gemeinde, bereits im Jahr 2015 an die Stadt und bat darum, mit einer öffentlichen Erklärung die Verurteilten zu rehabilitieren. Damit würde deren Ehre wieder hergestellt und eine solche Resolution diene dem „dauerhaften Gedenken an diese unschuldigen Opfer“.

Wiesensteig folgt nun, im Jubiläumsjahr der Reformation, dieser Empfehlung. Nicht unwesentlich dürfte die Tatsache sein, dass Wiesensteig protestantisch war, als die ersten Hexenprozesse dort stattfanden - und Luther forderte seinerzeit entschieden die Verfolgung von Hexen und Zauberern. Doch letztlich ist das einerlei, denn beide Kirchen haben zu jenen Zeiten Hexen verfolgt und die letzten Hexenprozesse in Wiesensteig erfolgten, als die Stadt wieder unter katholischer Ägide war.

Die Räte beschlossen nunmehr diese Resolution. Die wird Bürgermeister Gebhard Tritschler zufolge auch von beiden Kirchengemeinden Wiesensteigs unterstützt. Damit reiht sich Wiesensteig ein in die Liste zahlreicher Städte und Kommunen deutschlandweit, die - zumeist auf Anregungen der Kirche - Hexenopfer rehabilitierten.

Die Stadt veranstaltet mit der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde am Freitag, 10.  März, einen Vortrag über Hexenverfolgung. Am Sonntag, 12. März, um 10 Uhr findet in der Stiftskirche ein ökumenischer Gottesdienst für die Opfer der Hexenverfolgung in der Grafschaft Helfenstein statt.

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