Weilheim und Umgebung

Wilfried A. wäre fast in der Gosse gelandet

Bezahlbar wohnen – für Hartz-IV-Empfänger ist das ein schierer Kampf ums Überleben

Bad Boll. Die Arbeitslosigkeit ist auf einem Minimum? Für die drei Hartz-IV-Leute, die in Boll ihre Erfahrungen austauschen, hören sich die Erfolgsmeldungen der Agentur

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für Arbeit in Nürnberg schal an. „Die rechnen die Zahlen herunter.“ Ihnen nutzt die Statistik nichts. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen hält sich hartnäckig bei einer Million.

Hoffnung macht den Dreien, die an einer Tagung unter dem Titel „Bezahlbar wohnen“ teilnehmen, Klaus-Peter Danner vom Sozialministerium. Im Bundesrat wird ein Gesetzespaket behandelt, das ein Modellprojekt aus dem Land aufgreift. Langzeitarbeitslose sollen mit wenig Fördergeldern in Stellen vermittelt und sozialpädagogisch betreut werden – zwei Jahre ohne Kosten für den Arbeitgeber. In der freien Wirtschaft sei beim Modellversuch die Hälfte übernommen worden – 300 Leute. „Die Skepsis bei Unternehmern ist ziemlich gewichen.“ Sozialpädagogische Begleitung soll es auch für Langzeitarbeitslose geben, die eine Stelle gefunden haben, sich in der Arbeitswelt aber erst wieder zurechtfinden müssen.

Ob das Corinna L. nützt? Ihre Erfahrung: „Mit 55 kriegt man nichts mehr.“ Sie hat drei Kinder großgezogen, immer prekär gelebt, dann verlor sie ihren Mann. Ihr Versuch, sich selbstständig zu machen, endete mit Schulden. Mit Glück fand sie noch eine Wohnung, eine städtische habe sie wegen des Schufa-Eintrags nicht bekommen. „Es war knapp dran, dass ich auf der Straße lande.“

Jetzt kämpft sie mit dem Jobcenter um Heizkosten, die sie nicht vermeiden könne, weil die Nachbarn im Haus die Heizung aufdrehten und sie damit belasteten. „Ich bin ständig auf Wohnungssuche.“ Seit vier Jahren hilft Corinna L. anderen Gestrandeten.

Maik B. verlor seinen Job, konnte die Miete nicht mehr bezahlen, hatte Riesenglück, dass seine Vermieterin ihn umsonst wohnen ließ. Die Diakonie machte ihn wieder stark für die Jobsuche. Jetzt fährt er Essen aus und engagiert sich ehrenamtlich.

Wilfried A. macht Hartz-IV-Leuten in Stuttgart Mut. Mit seiner Lebensgeschichte, mit Kunst und was er so am Laufen hat. Ein Leben voller Brüche: Elektriker gelernt, zur See gefahren, Alkoholprobleme, Familie gegründet, Scheidung. „Es gab Zeiten, da hatte ich Angst, dass ich in der Gosse lande“, sagt der 67-Jährige.

Erika G., 62, erblindet, engagiert sich für barrierefreies Wohnen. Sie hat Freunde, die im Rollstuhl sitzen und sie nicht besuchen können. Sie kommt mit Hartz IV und Blindengeld aus.

Rolf Gaßmann, Mieterbund-Vorsitzender im Land, erzählt, dass in Stuttgart 30 000 Wohnungen fehlten und im Land jährlich 6 000 Sozialmietwohnungen gebaut werden müssten. Wohnraum für Flüchtlinge käme noch dazu, Gaßmann schätzt ihn auf mindestens 25 000. Klaus Kittler vom Diakonischen Werk hakt ein: „Der Bedarf für Flüchtlinge hat gezeigt, was vorher alles nicht gemacht worden ist.“ Es gibt harsche Kritik an der alten grün-roten Landesregierung. Die habe nichts getan und noch Wohnungen verscherbelt, wettert Bernhard Strasdeit, Landesgeschäftsführer der Linken. Die jetzige unterscheide sich davon nicht. Kretschmann spreche von den Häuslebauern, nicht von Sozialmietern.

„Wohnen ist für mich ein Menschenrecht“, erklärt Gewerkschafter Andreas Harnack. Einig sind sich die Referenten, dass kommunale Wohnbaugesellschaften gefragt sind. Wie viel Geld das Land in den sozialen Wohnungsbau pumpen müsse: von 250 Millionen jährlich ist die Rede, auch von 500 bis 600 Millionen. Derzeit seien es 60, vor 20 Jahren noch 315 Millionen. Geld, das über Steuereinnahme wieder hereinkomme, sagt Gaßmann. Er kritisiert die genossenschaftlichen Baugesellschaften: Sie wollten keine Sozialmieter. Aber für bezahlbaren Wohnraum bleibt das genossenschaftliche Modell interessant. Bauwillige könnten Klein-Genossenschaften gründen. Auch über Erbpacht wird diskutiert, über die Erhöhung des Wohngelds, über die dauerhafte, statt befristete Sozialbindung einer Wohnung, über billiger und trotzdem nachhaltig Bauen. Letzteres hätten die Bauhaus-Wohnanlagen der 20er-Jahre gezeigt.