Weilheim und Umgebung

„Zentrum des öffentlichen Lebens im Dorf“

Interview Kreisarchivar Manfred Waßner über die einstige Bedeutung von Gastwirtschaften

Manfred Waßner
Manfred Waßner

Esslingen. Manfred Waßner ist Leiter des Kreisarchivs im Esslinger Landratsamt. In einem Interview mit Bianca Lütz-Holoch gibt er Einblicke in die gesellschaftliche Bedeutung von Gastwirtschaften im 19. und 20. Jahrhundert.

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Was für eine Bedeutung hatten die Gasthäuser früher?

Manfred Waßner: Die Gastwirtschaften waren - neben der Kirche - das Zentrum des öffentlichen Lebens in den Dörfern und Kleinstädten. Dort traf man sich nach der Kirche oder der Feldarbeit und redete miteinander. Auch Familienfeste, politische Veranstaltungen und Vereinsversammlungen wurden in den Gasthäusern abgehalten. Es gibt auch Beispiele, in denen Rechtsanwälte in der Gaststube berieten, Vertreter ihre Waren feilboten oder sogar Zahntechniker „künstliche Zähne“ einsetzten.

Das ist ja heute nicht mehr so. Wie kam es zu dem Wandel?

Waßner: Zum einen sind in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Gemeindehallen, Vereins- und Gemeindehäuser gebaut worden. Immer öfter traf man sich dann dort. Viele Gasthäuser haben dann den Generationswechsel in den Wirtsfamilien nicht überlebt. Ein Wendepunkt für die Wirtschaften war aber schon die Einführung des Flaschenbiers Anfang des 20. Jahrhunderts. Im 19. Jahrhundert brauten die meisten Gaststätten noch ihr eigenes Bier, das frisch ausgeschenkt wurde. Teilweise lagerten sie es auch in Eiskellern. Wer damals Bier trinken wollte, musste also in die Wirtschaft gehen. Ab dem 20. Jahrhundert, als das Flaschenbier kam, konnte man sich auch zu Hause ein Bier aus dem Kühlschrank holen.

Gab es früher auch Essen in den Gasthäusern?

Waßner: Früher wurde noch zwischen Gassen-, Schank- und Schildwirtschaften unterschieden. Nur die Schildwirtschaften durften warme Mahlzeiten in einer Gaststube anbieten. Diese strenge Konzessionierung wurde aber in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts liberalisiert. Oft standen dann auch Wirtschaften und Metzgereien in Verbindung - und die Metzgereien mit der Post.

Wie kam das?

Waßner: Die Metzger waren viel über Land unterwegs, um Vieh einzukaufen. Dabei transportierten sie oft auch die Post. Wer Posthalter war, brauchte wiederum eine Wirtschaft, in der man Pferdeställe hatte und Gästen Übernachtungsmöglichkeiten anbot.