Weilheim und Umgebung

Zwischen Sklaverei und Kaufrausch

Gesellschaft Ist Mode ein Geschäft ohne Moral? Das fragte die Evangelische Akademie und zeichnete die Esslinger Manufaktur „wasni“ aus. Von Annerose Fischer-Bucher

Fair zieht an: Modenschau zur Kleidung für fairen Preis zu fairen Arbeitsbedingungen.Foto: Staufenpress
Fair zieht an: Modenschau zur Kleidung für fairen Preis zu fairen Arbeitsbedingungen. Foto: Staufenpress

Die Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll hatte den Titel „Kleider machen Leute“. Dr. Gisela Burckhardt von der Frauenorganisation Femnet hielt dort den Hauptvortrag, der von einer Modenschau unter dem Motto „Fair zieht an“ umrahmt wurde. Als einer der Höhepunkte wurde der mit 3000 Euro dotierte Akademie-Preis an die im Jahr 2015 gegründete Esslinger Manufaktur „wasni - wenn anders normal ist“ verliehen. Laudator Dr. Ulrich Bausch unterstrich, dass damit ein Projekt gewürdigt werde, das Inklusion und Herstellung von fairer Kleidung verbinde. Dieses zeige, dass Veränderungen hin zu einer Welt ohne Ausbeutung von Mensch und Natur realisierbar seien.

„Kaufen bis zum Umfallen muss einer neuen Wertschätzung von Kleidung weichen“, sagte Dr. Gisela Burckhardt. Als Kennerin der Produktionsbedingungen der Textilindustrie in Indien und Bangladesch zeigte sie die Folgen für die Arbeiterinnen auf. Spätestens seit der Katastrophe in Rana Plaza im Jahr 2013, bei der 1000 Menschen den Tod fanden und viele weitere verletzt wurden, sei das Thema „Faire Kleidung“ zum Gegenstand des öffentlichen Diskurses geworden.

Gisela Burckhardt erläuterte, was Femnet anprangert und unternimmt, um die Zustände zu ändern. Sie zeigte Bilder von übermüdeten und eingeschüchterten Frauen, die unter männlichen Aufsehern Überstunden zu „Hungerlöhnen“ leisten müssten und keinerlei Arbeits- und Gesundheitsschutz hätten. Frauendiskriminierung und Gewalt am Arbeitsplatz seien in Indien und Bangladesch besonders schlimm.

Die Fachfrau zeigte auch den Zusammenhang zum Kaufverhalten in den europäischen Ländern. Dort sei „Kaufen bis zum Umfallen“ mit „immer billiger und immer mehr“ angesagt, was zu Qualitätsverlust führe.

Femnet habe die Unternehmen mit den Missständen einer „modernen Sklaverei“ konfrontiert, aber es verändere sich nichts. Die Frauenrechtsorganisation unterstütze mit ihren Partnerorganisationen Projekte „Gegen Gewalt gegen Frauen“ im Ausland, organisiere dort Rechtsberatung und Training für Frauen und Kinderbetreuung in Fabriken.

Femnet fordere zusammen mit Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen von der Politik ein Lieferketten-Gesetz statt Freiwilligkeit, denn zahlreiche Unternehmen verweigerten immer noch Auskünfte. Auch der vom Entwicklungsministerium eingeführte „Grüne Knopf“ sei ein freiwilliges Produkt- und Unternehmenssiegel, das keine fairen Löhne garantiere. Burckhardt appellierte an die Kunden, auf besondere ökologische und soziale Siegel zu achten, aber vor allem weniger und bewusst zu kaufen und Kleidung wertzuschätzen.

Die Manufaktur „wasni“ aus Esslingen ist laut Jury das erste und einzige Inklusionsunternehmen im Modebereich in Deutschland. Das wirklich Besondere sei, dass hier Menschen arbeiten, die in „klassischen“ Unternehmen keine Chance bekämen. Stellvertretend für das inzwischen sechsköpfige Team nahm Gründer Daniel Kowalewski gemeinsam mit seiner Designerin und ersten Mitarbeiterin seit Gründung 2015, Nadine Feist, den Preis entgegen.

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