Zwischen Neckar und Alb

2016 – die große Unbekannte

Der Kreis will Notquartiere für 760 Flüchtlinge auflösen – Keiner wagt Prognosen

Der Landkreis Esslingen muss seit Februar weniger Flüchtlinge unterbringen. Die Zuweisungsquote hat sich von 270 auf 190 pro Woche verringert. Die Probleme löst der Rückgang nicht. Neue Unterkünfte zu schaffen, wird immer schwieriger. Wie sich die Zahlen bis Jahresende entwickeln, weiß keiner.

Nur noch bis Jahresende: Der Mietvertrag des Landkreises für das Kirchheimer Containerdorf in der Dettinger Straße läuft aus.Fot

Nur noch bis Jahresende: Der Mietvertrag des Landkreises für das Kirchheimer Containerdorf in der Dettinger Straße läuft aus.Foto: Jean-Luc Jacques

Esslingen. Rund 5 700 Plätze auf 105  Sammelunterkünfte in 33 Kommunen verteilt – Das sind die einzigen Zahlen, auf die sich der Landkreis Esslingen bei der Erstunterbringung von Flüchtlingen zur Stunde verlassen kann. Bis Ende des Jahres, so die Vorausrechnung, sollen es mehr als 8 500 sein. Träfen die Prognosen zu, die man im vergangenen Jahr den Kommunen für 2016 auf den Tisch gelegt hat, würden dem Kreis am Jahresende trotzdem fast 1 500 Plätze fehlen. Alles Zahlen, von denen keiner weiß, ob sie am Ende zutreffen werden. Was das Jahr bringen wird, ist völlig ungewiss.

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Tatsache ist: Während der Winter zu Ende geht und jenseits des mazedonischen Grenzzauns mehr als zehntausend Flüchtlinge im Morast ausharren, muss der Kreis Esslingen etwa 80 Menschen pro Woche weniger aufnehmen. Gleichzeitig wird in diesem Jahr die Zahl derer steigen, die nach abgeschlossenem Asylverfahren oder spätestens nach 24 Monaten aus der Gemeinschaftsunterkunft ausziehen und sich eine dauerhafte Bleibe suchen müssen. Rund 3 000 sollen es kreisweit sein. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker rechnet für Kirchheim mit bis zu 700 Menschen, die 2016 Aussicht auf ein Bleiberecht haben. Auch hier gilt: Was wirklich sein wird, weiß keiner.

Die Lage im Kreis ist unverändert ernst. Das zeigen die aktuellsten Zahlen, die Landrat Heinz Eininger gestern seinen Kreisrätinnen und Kreisräten vorgelegt hat. Der Druck ist groß, Provisorien wie Zelte und Mehrzweckhallen schnellstmöglich wieder zu räumen. 760 Plätze werden dadurch in diesem Jahr wegfallen. Sechs Hallen sind noch immer belegt, drei davon gehören dem Landkreis. Man habe hier den "Buckel breit gemacht", um die Kommunen zu schonen, sagt Eininger. "Jetzt müssen wir wieder zurückfinden zu einem vernünftigen Betrieb." In Esslingen und Filderstadt sollen zwei Hallen schon in den kommenden Wochen geräumt werden. Für die Kreissporthalle bei der Kirchheimer Schöllkopfschule gibt es noch keinen Termin. Die Frage bleibt: Wohin mit den Menschen? Gerade gegen größere Einheiten, die dringend gebraucht werden, wächst der Widerstand in den Kommunen. Wo Großunterkünfte neu entstehen, geht es derzeit vor allem um Gewerbeimmobilien wie in Lenningen, Nürtingen oder in Großbettlingen, wo in diesem Jahr zusammen knapp 400 neue Plätze geplant sind.

Auch Kirchheim steht, was die Planzahlen betrifft, beim Kreis in der Kreide: Nachdem in der Eichendorffstraße 35 Plätze für die Anschlussunterbringung gebraucht werden, fehlen bis Jahresende rein rechnerisch Erstunterkünfte für 70 Menschen. 2017 muss zudem Ersatz gefunden werden für das Containerdorf in der Dettinger Straße, wo der Mietvertrag am Jahresende ausläuft.

Es gibt aber auch andere Beispiele: Kommunen, die dabei sind, deutlich mehr Flüchtlinge aufzunehmen, als sie eigentlich müssten. Dazu gehört beispielsweise Hochdorf, wo 2015 durch Holzneubauten Platz für 240 Asylsuchende geschaffen wurde aber auch die Gemeinde Dettingen, wo in diesem Jahr 108 Plätze mehr zur Verfügung gestellt werden, als die Quote vorschreibt. Sie alle sollen nun an anderer Stelle entlastet werden: indem zumindest für 2016 die Pflicht zur Anschlussunterbringung entfällt.

„Esslinger Modell“ funktioniert

Passgenaue Hilfe

Bei der medizinischen Versorgung von Flüchtlingen in der Erstunterbringung gilt der Landkreis Esslingen inzwischen landesweit als Vorbild. Durch den ehrenamtlichen Sanitätsdienst des DRK und der mobilen Arztpraxis des Malteser Hilfsdienstes sei eine „passgenaue Versorgung“ vor allem in den großen Notunterkünften möglich.

 

Entlastung für Kliniken

Die mobile Arztpraxis steuert zweimal pro Woche zehn der größten Sammelunterkünfte im Landkreis an. In den regelmäßigen Sprechstunden erhalten derzeit mehr als 1 600 Asylsuchende eine medizinische Betreuung. Auch das DRK ist zweimal die Woche in vier Unterkünften Ansprechpartner, begleitet Flüchtlinge zu Arztterminen, überwacht Therapien oder steht bei Notfällen bereit. Dabei arbeiten die Sanitäter der DRK-Bereitschaft nicht nur mit niedergelassenen Ärzten, sondern auch mit medizinischen Fachkräften aus Reihen der Flüchtlinge zusammen. Eine Grundversorgung, die seit Jahresbeginn neben den Arztpraxen vor allem die Notfallambulanzen in den Krankenhäusern entlastet. Dorthin wandten sich viele Flüchtlinge auch bei kleineren Problemen.

 

Interesse an Impfungen

Etwa die Hälfte der Menschen in den Erstunterkünften lassen sich freiwillig impfen. Das Kreisgesundheitsamt bietet seit Ende 2015 Impfbücher an und klärt Flüchtlinge über Vorsorge-Impfungen auf. bk