Zwischen Neckar und Alb

Abschiebung frustriert Ehrenamtliche

Asyl Gambischer Flüchtling wird bei Termin im Ausländeramt verhaftet, um ihn abzuschieben. Landrat Eininger verteidigt das Vorgehen der Behörde. Von Andreas Warausch

Modou S. aus Gambia ist 19 Jahre alt. Seit zwei Jahren lebt er in Frickenhausen. Er hatte sich gut eingelebt. Lernte Deutsch. Nun soll er abgeschoben werden. „Dublin“ heißt das für Asylbewerber finstere Zauberwort. In der irischen Hauptstadt war ein europäisches Abkommen geschlossen worden, nach dem Flüchtlinge in das Land zurückgeschickt werden sollen, in dem sie erstmals Boden der Europäischen Union betreten haben.

Für Modou S. wie für viele andere gambische Flüchtlinge bedeutet das: zurück nach Italien, nach Mailand. Zugleich bedeutet das: zurück in die Obdachlosigkeit. Die Bedingungen für zurückgeschickte Asylbewerber sind im vom Flüchtlingszustrom heillos überforderten Mittelmeerland miserabel. Wer Glück hat, kommt im bitterkalten Winter wenigstens in einer U-Bahn-Station unter. Mitarbeiter des AK Integration aus dem Täle haben sich von dem Drama vor Ort im letzten Jahr ein Bild gemacht.

Vor einigen Tagen hat Irmtraud Harsch vom Arbeitskreis Integration in Frickenhausen Modou S. auf die Ausländerbehörde begleitet. Sie berichtet, wie der vermeintlich harmlose Besuch im Desaster endete. Die Mitarbeiter vom Amt hätten gesagt, sie müssten die Akte suchen. Es dauerte. Dann ist die Sprache von einer elektronisch geschlossenen Tür, vom Einkeilen, Einkreisen. Zwei Polizisten in Zivil tauchten auf, machten ihren Job, die Handschellen klickten. Die AK-Mitarbeiterin habe noch Carla Bregenzer, Sprecherin des AK Integration, anrufen können. Die fuhr sofort los, um Modou wenigstens mit dem extra für Abschiebungen gepackten Rucksack zu versorgen.

Von diesem Vorgang sind die Mitarbeiter des Arbeitskreises entsetzt. Carla Bregenzer schätzt die Folgen des Vorfalls so ein: „Da geht niemand mehr hin.“ Das Vertrauen der Flüchtlinge in die Behörden sei weg. Bald habe man dann nur noch Flüchtlinge ohne Papiere hier. Aber auch unter den ehrenamtlichen Helfern mache sich Frust breit. Manch einer redet vom Aufgeben. Solche Tiefschläge angesichts von 50 neuen Flüchtlingen, die kommen sollen in diesem Jahr.

Ja, das alles sei zermürbend und frustrierend, sagt auch Frickenhausens Bürgermeister Simon Blessing. Die Behörden sollten mehr die Menschen an der Basis fragen, bevor sie solche Dinge tun, deren Folgen sie nicht abschätzen könnten. Hier engagierten sich so viele Menschen ehrenamtlich. Und dann stoße man ihnen so vor den Kopf wie bei der Abschiebung von Modou. Der Bürgermeister: „Das ist nicht vermittelbar.“

Blessing weiß, wie wichtig die ehrenamtliche Arbeit ist. Schließlich stehe die Kommune bei Unterbringung und Betreuung der Flüchtlinge hervorragend da. Wegweisende Arbeit leiste man hier im Täle. Ehren- und hauptamtlich. Auch Gemeinden von außerhalb des Landkreises suchten Rat in Frickenhausen. Er appelliert flammend an den AK Integration: „Geben Sie nicht auf!“ Selbst wenn der junge Gambier jetzt zurück müsse - die zwei Jahre hier seien für ihn nicht umsonst gewesen. Er habe hier viel gelernt, habe viel menschliche Wärme bekommen.

Doch der Bürgermeister findet auch klare Worte in Richtung der anderen Ämter. „Das rührt an meinem Behördenverständnis.“ Freilich fürchtet er, dass auch seinem Rathaus nicht mehr vertraut werde. „Wenn ihr auf mein Amt kommt, ist keine Polizei da“, sagt er zu einem der Flüchtlinge. Jemanden so anzulocken und dann zu verhaften, das sei „dermaßen perfide, da fällt einem nichts mehr ein“, sagt Blessing.

Der Bürgermeister hat deshalb einen Brief an den Esslinger Landrat, dem das Ausländeramt untersteht, geschrieben. Wie Carla Bregenzer auch. Er hat schon eine Antwort bekommen. Landrat Heinz Eininger beruft sich auf Recht und Gesetz. Die Abschiebung des Flüchtlings nach Italien sei schon im vergangenen April angeordnet worden, eine Klage dagegen sei im August abgelehnt worden. Dreimal sollte er zur Abschiebung in seiner Unterkunft aufgegriffen werden, dreimal sei er nicht angetroffen worden. So habe das zuständige Regierungspräsidium Karlsruhe um Amtshilfe gebeten. Man sei verpflichtet, so einem Gesuch nachzukommen.

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