Zwischen Neckar und Alb

Ade, Arztkittel

Bundesweiter Vorreiter: Das städtische Krankenhaus Esslingen schafft die langen weißen Mäntel ab

Mit dem Arztkittel geht ein Statussymbol, dessen ist man sich am Esslinger Klinikum bewusst. Dennoch hat man sich dafür entschieden, den beliebten weißen Mantel aus dem Krankenhaus-Alltag zu verbannen.

Künftig tragen die Mitarbeiter des Esslinger Klinikums, die mit Patienten in Kontakt kommen, nur noch kurzärmelige Oberteile. De
Künftig tragen die Mitarbeiter des Esslinger Klinikums, die mit Patienten in Kontakt kommen, nur noch kurzärmelige Oberteile. Der Arztkittel wird verbannt. Fotos: Kaier

Esslingen. Der Grund für die Abschaffung des Arztkittels: Studien haben gezeigt, dass ausgerechnet das Erkennungsmerkmal der medizinischen Chefs ein potenzieller Keimherd ist. Mit der Umstellung auf kurzärmelige Polo-Shirts für Ärzte, die in der kommenden Woche beginnt, wird am Klinikum auch insgesamt ein neues Wäschekonzept eingeführt.

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Damit ist das Esslinger Krankenhaus eines der ersten bundesweit, das den Arztkittel abschafft. Laut Bernd Ulrich, Leiter des Geschäftsbereichs Beschaffung, Logistik und Service im Klinikum, hat das in der Region Stuttgart noch kein Haus gewagt, in Baden-Württemberg wisse er nur von Friedrichshafen, wo jüngst dieser Schritt gegangen wurde. Aber Michael Geißler, Ärztlicher Direktor am Esslinger Klinikum betont: „Arztkittel sind nicht mehr zeitgemäß.“

Aus hygienischen Gesichtspunkten ist dieses Kleidungsstück nicht sinnvoll. Beim Kontakt mit Patienten kommen die langen Ärmel immer wieder mit Körperflüssigkeiten wie Blut oder mit Keimen in Berührung – oft, ohne dass man es bemerke. Wenn der Kittel offen getragen werde, steige die Gefahr der Keimübertragung noch weiter. In der üblichen Hektik des Alltags flattert der Mantel oft weit hinter dem Arzt her und streift dabei im Zweifelsfall über Müll, Wagen mit Essen oder Nachttische von Patienten – was alles potenzielle Keimherde sind.

Künftig wird es deshalb standardmäßig nur noch kurzärmelige Oberteile für alle Mitarbeiter geben, die im Kontakt mit Patienten arbeiten. Hände und Arme sind im Gegensatz zu Ärmeln leicht zu desinfizieren, erklärt Michael Geißler. Das ist ohnehin das A und O der Hygiene: „Das Allerwichtigste ist die Hände-Desinfektion“, betont der Ärztliche Direktor. Doch man will mit der neuen Dienstkleidung noch einen Schritt weitergehen. „Wir wollen einfach jede Chance nutzen, die Verbreitung von Krankenhauskeimen einzudämmen“, sagt Geschäftsführer Bernd Sieber.

Hundertprozentig kann man eine Verbreitung multiresistenter Keime zwar nicht ausschließen, betont er. Aber sein Haus will alles tun, was möglich ist. „Bei den hausinternen Analysen zeigt sich, dass das Esslinger Klinikum bei allen Problemkeimen weit unter dem Durchschnitt der Krankenhäuser in Deutschland liegt – auch mit Arztkitteln“, sagt Geißler.

Mit der neuen Arbeitskleidung wird es auch bunter im Krankenhaus. Die Klinik führt ein Farbkonzept ein, mit dessen Hilfe Mitarbeiter der verschiedenen Bereiche sofort erkennbar sind. So tragen Ärzte nach wie vor weiß, die Pflege hingegen hat blaue Oberteile und Mitarbeiter sogenannter Funktionsdienste wie Physio- oder Ergotherapie tragen Orange. Reinigungskräfte haben grüne Shirts und Beschäftigte des Logistik- und Transportbereichs werden graue Oberteile tragen.

Allerdings sollten es nicht irgendwelche Shirts und Hosen sein, sondern möglichst fair produzierte: „Ich wollte auf keinen Fall Wäsche aus Bangladesh“, sagt Geißler. Nun kommt die Ware aus Österreich. Zudem wird künftig nicht mehr jeder seine eigene Kleidung haben. Alle Kleidungsstücke werden in einem Pool gesammelt, über eine zentrale Ausgabestelle können sich die Mitarbeiter dann abholen, was sie brauchen. „So wollen wir sicherstellen, dass immer saubere Wäsche zur Verfügung steht“, sagt Bernd Ulrich. Bislang sei es ein Problem gewesen, wenn jemand vergessen habe, seine Arbeitskleidung zur Wäsche zu geben. In die neuen Kleidungsstücke wird zudem ein Chip integriert, der alle Vorgänge registriert, berichtet Ulrich: von der Ausgabe über das Waschen bis hin zur Platzierung im Schrank. „So hat man immer die Kont­rolle darüber, ob genügend frisch Gewaschenes vorhanden ist.“

Leicht ist die Umstellung für viele nicht, erzählt Michael Geißler: „Vor allem für ältere Kollegen und für die Patienten ist der Arztkittel ein wichtiges Statussymbol.“ Doch die Umstellung kommt nun auch nicht auf einen Schlag, es dauert einige Wochen, bis die 1 600 Mitarbeiter ausgestattet sind. Aber Geißler freut sich schon auf das neue Bild im Krankenhaus: „Ich bin sicher, dass der Verzicht auf Arztkittel in wenigen Jahren Standard in Kliniken ist.“

28. April 2016, Esslingen, Foto: KaierKlinikum, neue Arbeitskleidung der Mitarbeiter aus hygienischen Gruenden, hier Dr. Margit
28. April 2016, Esslingen, Foto: KaierKlinikum, neue Arbeitskleidung der Mitarbeiter aus hygienischen Gruenden, hier Dr. Margit Elsaesser im alten Dress