Zwischen Neckar und Alb

Am Ende fehlen zehn Minuten

Rekordversuch 1 000 Mal 50 Meter Freistil: Der SSV Esslingen hatte den Weltrekord im Visier, letztlich reichte es aber „nur“ zu einem neuen Europarekord. Von Peter Dietrich

36 Schwimmer nahmen am Rekordversuch teil. Foto: Peter Dietrich
36 Schwimmer nahmen am Rekordversuch teil. Foto: Peter Dietrich

Für sein mutiges Bauprojekt „SSVE 2020“, bei dem unter anderem die sanitären Einrichtungen saniert und die Zugänge barrierefrei werden sollen, braucht der Schwimmsportverein Esslingen rund drei Millionen Euro. Was also tun, um möglichst viele Spender und Sponsoren zu bekommen? Drei Frauen hatten sich zum Brainstorming zusammengesetzt und befunden, so etwas wie ein Weltrekord wäre doch als Auftakt zum Spendensammeln nicht schlecht. „Aber ich wollte keinen, bei dem von vornherein feststeht, dass wir das schaffen“, sagt Carola Orszulik, geschäftsführender Vorstand des SSVE. Sie habe rund 30 verschiedene Weltrekorde gefunden. „Ich wollte eine echte sportliche Herausforderung. 1 000 mal 50 Meter Freistil, im Schnitt unter 29 Sekunden pro Bahn. Das ist wirklich hart.“

Am Ende war es etwas zu hart: Mit acht Stunden, 14 Minuten und 22 Sekunden verfehlten die 36 Schwimmer den japanischen Weltrekord aus dem Jahr 2015, 8.04:39, um knapp zehn Minuten. Sie hatten dennoch Grund zur Freude: Denn damit hatten sie immerhin einen neuen Europarekord aufgestellt.

Der Versuch wurde von vereidigten Kampfrichtern und von Notar Frank Schwarz überwacht. Beinahe wäre das Projekt trotzdem schiefgegangen: Schon war die letzte Bahn angekündigt, der letzte Schwimmer gestartet, da rief der Moderator Ralf Schmitt: „Es sind erst 998, wir brauchen noch zwei Bahnen!“ An jedem Ende des Beckens machte sich noch ein Schwimmer bereit, sie standen zum Abschluss ohnehin alle neben den Startblöcken, so ging es nahtlos weiter zum Europarekord.

Einen Weltrekord gab es am Sonntag auf der Neckarinsel aber trotzdem. Zuerst schaffte Dus­tin Böhm die 50 Meter in 49,59 Sekunden - und zwar mit den Füßen voraus. „Das widerspricht jeglicher Logik“, sagte Oliver Hirth, der für die ungewöhnliche Disziplin zuständig war. Genau das mache deren Reiz aus. „Die Schwierigkeit ist die Wasserlage.“ Für Böhm nicht, wie ein Brett lag er im Wasser, sich nur mit den Händen vorantreibend und trotz fehlender Frontsicht wundersam immer die Richtung behaltend. Mit knapp 50 Sekunden Zeit war er dem bisherigen Weltrekord schon sehr nahe und machte nach einer Pause einen zweiten Versuch. Zwei Kampfrichter stoppten übereinstimmende 47,50 - der Notar hatte auch diesen Weltrekordversuch überwacht - damit war klar: Es ist tatsächlich ein neuer Weltrekord. Da konnte der Moderator nicht mithalten, der es ebenfalls mit „Füße vorwärts“ probierte und versprach: „Falls ich länger als zwei Minuten brauche, spende ich 50 Euro.“ Das Geld ist dem SSVE sicher, denn Schmitt brauchte 2.18 Minuten.

Ebenfalls zum Spendensammeln diente das Dauerschwimmen, Spender waren ab einem Cent pro geschwommener Bahn dabei. Aber Vorsicht, ganz so billig blieb es für sie trotzdem nicht: Susanne Kloos schwamm geduldig stundenlang und legte dabei 12,7 Kilometer zurück. Martin Franke, der an zweiter Stelle folgte, brachte es auf 11,1 Kilometer.

Beim Weltrekordversuch waren einige Schwimmer wegen Krankheit ausgefallen, so gingen statt geplanten 40 Schwimmern in vier Staffeln nur 36 Schwimmer an den Start. Jeder Schwimmer - mit einer Ausnahme waren alle männlich - hatte dadurch etwas weniger Pause. Die Wassertemperatur war mit 24 Grad optimal. Außerdem war der Physiotherapeut Martin Kober vor Ort, gemeinsam mit seiner Frau. Die beiden haben sich mit ihrer Firma „vitaktiv“ in Nellingen auf Leistungssportler spezialisiert. „Wir kümmern uns um die Regeneration“, sagte Kober. Wo? „Das kann alles sein, Schulter, Hüfte, Knie, der Rücken. Wir haben im Zelt auch medizinische Geräte dabei.“

„Wir sind froh über jeden Schwimmer“, sagte Adrian Hausmann. Als Wasserball-Torwart ist sein Training nicht auf lange Strecken optimiert. Der Verein habe das aber zwischenzeitlich angepasst, um die schnellsten Schwimmer herauszufinden. Das Ergebnis konnte man im Voraus natürlich nicht testen. Ein Europarekord beim ersten Versuch kann daher als ganz großer Erfolg gelten. Und die ersten Töne, das sei doch nun ein prima Probelauf gewesen und man könne ja mit einer längeren Vorlaufzeit einmal einen erneuten Versuch für den Weltrekord starten, waren unter den Schwimmern bereits zu hören.

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