Zwischen Neckar und Alb

Angst essen Seele auf

Die letzten beiden Wochen haben uns das Fürchten gelehrt. Es ist bei allen angekommen. Einen Tag nach dem tödlichen Angriff auf eine Frau in Reutlingen, brachte ich mein Auto zur Wartung in die Werkstatt und kam dort mit einem Mitarbeiter ins Gespräch; ein junger Mann, der die furchtbare Tat von einem Café aus beobachtet hat. Er musste seine Eindrücke sofort loswerden. Entsetzen und Angst sprach aus seinen Augen.

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„Angst essen Seele auf“, fiel mir sofort ein. Vor über 40 Jahren hat Rainer Werner Fassbinder seinem berühmtesten Film diesen Titel gegeben. Mittlerweile ist diese Formulierung fast sprichwörtlich geworden. Vermutlich deswegen, weil sie (wenn auch grammatisch unkorrekt) genau das wiedergibt, was wir mit der Angst erleben: sie frisst sich tief in unsere Seele und verschlingt sie. Angst ist erst einmal nichts Beherrschbares. Sie lässt sich nicht steuern. Sie ist eine Macht, die verheerende Schäden in uns anrichtet. Wenn es so weit kommt – und darauf legt sie es an – dass wir am Ende auch noch Angst vor der Angst bekommen, dann hat sie gewonnen. Haben wir eine Chance gegen die Angst?

Es hilft nichts: plötzlich ist sie da, die Angst. In Zeiten, wie wir sie momentan erleben, gehört sie fast schon zu unserem Alltag. Wenn sie aber da ist, tue ich Folgendes: „Ich werfe meine Angst zu dir hinüber/wie ein Tau von einem Schiff ans Land./Vielleicht bist du dann da und greifst herüber./Vielleicht, vielleicht nimmst du mich dann an meiner Hand./Wenn Gott es ist, der meine Ängste auffängt und nicht lässt,/wenn Gott es ist, dann hält er mich samt meinen Ängsten fest.“ Besser als mit dieser Liedstrophe kann ich es nicht sagen. Es ist meine Art, mit der Angst umzugehen. Und ich erfahre tatsächlich, dass Gott mich samt meinen Ängsten festhält.

Pastor Stefan Herb

Evangelisch-methodistische

Zionskirche, Kirchheim