Zwischen Neckar und Alb

Arbeit soll Halt geben

Projekt Die alte Baracke in Deizisau wird in den kommenden Monaten saniert und anschließend als Werkstätte für Flüchtlinge genutzt. Die Aktion Mensch unterstützt die Initiative finanziell. Von Roland Kurz

Ehrenamtskoordinatorin Karolina Altenburger (rechts) bereitet das Werkstattprojekt in Deizisau vor. Gerhard Mailänder will zusam
Ehrenamtskoordinatorin Karolina Altenburger (rechts) bereitet das Werkstattprojekt in Deizisau vor. Gerhard Mailänder will zusammen mit den Flüchtlingen die Baracke sanieren.Foto: Roberto Bulgrin

Eigentlich sollte die alte Baracke in der Sirnauer Straße abgebrochen werden, denn seit November wohnen die Flüchtlinge nebenan in einer neuen Unterkunft mit ordentlichen Zimmern. Das alte Gebäude ist so heruntergekommen, dass es zu den miesesten Unterkünften im Kreis Esslingen zählte. Und dennoch soll die Baracke nochmals genutzt werden: als Werkstatt, in der sich die Flüchtlinge beschäftigen und handwerkliche Fertigkeiten erlangen können. Ehrenamtskoordinatorin Karolina Altenburger hofft, dass sie dafür von der Stiftung Mensch 300 000 Euro für die nächsten drei Jahre erhält. Die Bruderhaus-Diakonie, bei der Altenburger angestellt ist, will ebenso wie die Gemeinde Deizisau 60 000 Euro beisteuern.

„Mir geht es heute nicht gut. Ich brauche Arbeit.“ Ein junger Schwarzafrikaner kommt auf die Betreuerin zu, die sich gerade vor der Baracke mit zwei Ehrenamtlichen unterhält. Er soll sich in seinem Zimmer hinlegen, empfiehlt ihm Karolina Altenburger, sie komme nach dem Pressegespräch zu ihm. Der junge Mann, der den Kopf hängen lässt, ist ein Paradebeispiel für die Verfassung vieler Flüchtlinge, die keine Arbeit haben und nicht wissen, wie es weitergeht. Auf eine Arbeitserlaubnis müssen sie in der Regel sechs bis acht Wochen warten; wenn der Asylantrag abgelehnt worden ist, verlieren sie sogar die Arbeitserlaubnis und warten frustriert auf die Abschiebung. „Wenn wir nichts für sie finden, dann fallen sie in eine Depression“, sagt Altenburger.

Die Sanierung der Baracke wird in den nächsten Monaten eine Art Beschäftigungstherapie sein. Paul aus Nigeria steht bereit. „Der fragt mich jedes Mal, wenn er mich sieht, wann es losgeht“, erzählt Gerhard Mailänder, der als ehrenamtlicher Betreuer die Flüchtlinge anleiten wird. Der Bauhof der Gemeinde hat schon erste Vorarbeiten gemacht und das Dach abgedichtet. Wände spachteln und streichen, Fenster abschleifen und streichen, das sind Arbeiten, die Mailänder mit den Flüchtlingen erledigen will. Seine Hoffnung, dass Paten-Firmen sie personell und mit Material unterstützen, scheint sich zu erfüllen. Auf einen Rundbrief von Bürgermeister Thomas Matrohs haben sich schon 18 Firmen gemeldet.

In den bisherigen Schlafräumen werden drei Werkstätten eingerichtet. In der Kreativwerkstatt soll genäht und Seife hergestellt werden. Olga Ifantidu hat schon im vergangenen Jahr bei sich zu Hause mit syrischen Frauen Seife aus Olivenöl hergestellt. Das will sie nun in der Baracke machen. „Sobald die Küche fertig ist, kann es losgehen“, sagt Ifantidu, die einige Jahre eine kleine Seifenfirma geführt hat. Die Produkte werden dann auf dem Weihnachtsmarkt verkauft. Ein zweiter Raum ist als Fahrradwerkstatt vorgesehen, im dritten soll eine Holzwerkstatt eingerichtet werden. In die Werkstätten sollen auch Deizisauer Bürger ihre kaputten Fahrräder oder Schränke bringen können, um sie zusammen mit den Flüchtlingen zu reparieren. Kontakt mit der Bevölkerung herzustellen, sehen Altenburger und Mailänder als ein Ziel des Projekts an. Mit jemand sprechen zu können, sei für die Flüchtlinge, die hier keine Familie haben, enorm wichtig, sagt Altenburger.

Für die Anleitung und Betreuung in der Werkstatt setzt Altenburger auf die Kooperation mit der Esslinger Beschäftigungsinitiative EBI und die Deizisauer Zehntscheuer. Auch die Agentur für Arbeit und das Berufliche Ausbildungszentrum BAZ will Altenburger in ihr Netzwerk einbinden. Die EBI-Dozenten können die handwerkliche Ausbildung übernehmen, die Zehntscheuer-Pädagogen den jungen Flüchtlingen bei der Berufsorientierung helfen und ihnen Schlüsselkompetenzen wie Teamarbeit und Pünktlichkeit nahebringen.

Die Werkstätten sieht Altenburger auch als Entwicklungsprojekt, das Flüchtlingen helfen kann, die wieder in ihre Heimat zurückkehren. „Die handwerklichen Fähigkeiten oder die geplante Erste-Hilfe-Ausbildung können sie zu Hause gut gebrauchen“, sagt die Ehrenamtskoordinatorin. Wer sich in Deutschland um einen Arbeitsplatz oder eine Lehrstelle bemüht, dem hilft eventuell das Zertifikat, das die Gemeindeverwaltung für die Teilnahme ausstellen will.

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