Zwischen Neckar und Alb

Auch Helfende brauchen Hilfe

Not Die Psychologische Lebensberatung der Caritas registriert steigende Besucherzahlen.

Christina Vogel und Alexander Wessel. Foto: Anneliese Lieb
Christina Vogel und Alexander Wessel. Foto: Anneliese Lieb

Kreis Esslingen. Die meisten Menschen haben eine große Sehnsucht nach einem gelingenden Leben. Doch wenn Sorgen, Stress und Konflikte dauerhaft den Alltag prägen, verlieren Menschen zunehmend ihren Halt. Diese Erfahrung machen Diplom-Psychologe Alexander Wessel und seine Kollegen von der Psychologischen Familien- und Lebensberatung der Caritas.

Die Probleme, mit denen die Ratsuchenden entweder in die offene Sprechstunde oder zu einem Treffen kommen, sind sehr vielfältig. „Das ist die junge Frau, die sich selbst durch Ritzen verletzt, oder das Elternpaar, das sich vor den Kindern immer wieder streitet und in eskalierenden Situationen auch körperlicher Gewalt keinen Einhalt bieten kann“, sagt Alexander Wessel. Diesen Menschen Raum und Zeit zum Innehalten und Reflektieren zu geben, darauf ist die Beratung ausgelegt. „Menschen, die zu uns kommen, suchen Halt“, weiß Christina Vogel, Diplom-Pädagogin und Systemische Therapeutin. „Wir Berater wirken manchmal wie ein Geländer, an dem man auf einer steilen Treppe oder in einem dunklen Gang Halt findet“, sagt Wessel.

Den Halt verlieren oder Halt suchen sehen Wessel und Vogel als wichtigste Themen in dieser von digitalen Medien geprägten Zeit. Beziehungen, gleichgültig ob zwischen Partnern oder zwischen Eltern und Kindern, sind heute nicht mehr so verlässlich. Unsere offene Gesellschaft, so Vogel, schaffe zwar Raum für viele Lebensentwürfe, wenn aber viel möglich sei, könne damit nicht jeder umgehen. Die Orientierung gehe verloren.

Deshalb sei es besonders wichtig, dass in der Familie Regeln aufgestellt werden. „Kinder brauchen Grenzen, die man liebevoll, aber bestimmt durchsetzt“, rät Wessel. Wichtig sei aber auch, dass sich Eltern an die Regeln halten. „Man kann nicht dem Kind die Handynutzung verbieten, aber selbst pausenlos mit dem Smartphone rumdaddeln.“

Das Team der Psychologischen Familien- und Lebensberatung sieht seine Aufgabe darin, zusammen mit den Klienten die Beziehungen in Bezug auf das kommunikative Verhalten, die biografischen Zusammenhänge und die aktuellen Rahmenbedingungen in Freizeit, Beruf und Familie zu beleuchten und Wege des Miteinanders zu suchen. „Wir wollen das Fühlen, Denken, Beurteilen und Handeln der Ratsuchenden stützen“, formuliert Vogel die Zielsetzung.

Bei Kindergruppen, so Christina Vogel, sei es wichtig, für die Jungen und Mädchen eine verlässliche Ansprechpartnerin zu sein. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) spreche Eltern mit Kindern unter 18 Jahren ein Recht auf Unterstützung in Fragen der Erziehung sowie bei partnerschaftlichen und familiären Problemen kostenfrei zu.

Ein Blick auf die Statistik der Psychologischen Familien- und Lebensberatung zeigt, dass die Zahl der Ratsuchenden steigt. Im vergangenen Jahr waren es 770 Menschen, die Hilfen der Beratungsstelle in Anspruch nahmen. 591 von ihnen bekamen bei Wessel und seinem Team Termine, 179 Personen wurden aufgrund der Problemlage an geeignete Institutionen weitervermittelt. Auffällig ist außerdem, dass die Zahl der Ratsuchenden mit Migrationshintergrund steigt.

Hilfe brauchen auch Helfer. Die Experten der Caritas-Beratungsstelle beraten auch ehrenamtliche Gruppen, die in der Flüchtlingsarbeit tätig sind. Die Konfrontation mit den Flüchtlingsschicksalen, mit der Begrenztheit der Einflussmöglichkeiten, beispielsweise bei drohender Abschiebung, belaste auch die Ehrenamtlichen, so Wessel. „Der Helfer braucht Hilfe, um nicht zum hilflosen Helfer mit allen Auswirkungen auf die eigene Seelenlage und die seiner Umgebung zu werden.“ Anneliese Lieb

1 pfl-esslingen-nuertingen.de

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