Zwischen Neckar und Alb

Auf Campingplätzen zu Hause

Reisen Von Neuseeland bis auf den Jakobsweg: Christel und Michael Ott aus Ruit campen seit 60 Jahren. Sie genießen die Freiheit und sind jetzt sogar zu Fernsehstars geworden. Von Katja Eisenhardt

Christel und Michael Ott, beide 74, aus Ruit sind leidenschaftliche Camper. Und das seit sechs Jahrzehnten: „Ich war mit 15 das erste Mal mit meinen Eltern campen. Als Studenten waren wir dann beide zusammen unterwegs. Das war damals ja allein schon eine Geldfrage. Campen war einfach günstiger als ein Hotel“, erinnert sich Michael Ott. Mit einem halben Bundeswehrzelt habe das gemeinsame Camping angefangen. „Das erste Ziel war eine Wiese bei Bad Reichenhall, wo die Schwiegermutter in spe zur Kur war. Als Unverheiratete durfte man damals noch nicht auf einen Campingplatz“, erzählt Christel Ott, „um 4 Uhr morgens kam dann der Bauer mit seinen Kühen“, erinnert sie sich und lacht. Vorbei war‘s mit dem idyllischen Wild-Campen auf der Kuhweide.

Das Reisefieber hatte beide schnell gepackt, das ist bis heute so geblieben. Erst verlobt, dann verheiratet, als Paar und später mit den beiden Kindern, ging es regelmäßig auf Tour - zunächst europa- dann weltweit. Nach einem verregneten Zelturlaub in Finnland wurde der Wunsch nach einem fahrbaren Campinguntersatz größer. So wurde zunächst ein Mitsubishi L 300-Bus jahrelang zum treuen Begleiter. Michael Ott baute eigenhändig das Dach aus, der obere Busteil wurde zum bequemen Schlafplatz. „Die erste Fahrt ging nach Island. Leider war der Urlaub abrupt zu Ende, als wir die Tiefe eines Flusses falsch eingeschätzt haben - schließlich kam der VW Bulli vor uns noch durch - wir blieben stecken und der Motor war hinüber“, berichtet Michael Ott von der Erfahrung mitten im isländischen Nirgendwo. „Glücklicherweise kam irgendwann ein sehr hilfsbereiter Isländer vorbei, der uns 100 Kilometer weit abgeschleppt hat. Das Seil haben wir bis heute aufgehoben.“ Der reparierte Bus brachte die Otts unter anderem noch in die Türkei und nach Portugal: „Mit 239 000 Kilometern haben wir unseren treuen Begleiter dann verkauft, sein Nachfolger war ein Wohnmobil“, erzählt Michael Ott, der der Ideengeber für die meisten Reisen ist. Auch der Besuch auf der CMT in Stuttgart sei immer eine gute Inspiration.

Aber warum eigentlich Camping? „Neben der Geldfrage war es immer schon die Freiheit und Spontaneität, die solche Reisen mit sich bringen“, sagt das Ehepaar. Früher musste man die Plätze noch nicht mal vorbuchen, sondern konnte unterwegs schauen, wo es einem gut gefällt, wo man länger bleiben oder doch lieber weiterfahren möchte. Als Camper sei man flexibel, man habe ja alles Notwendige dabei. Man erlebe die Länder viel intensiver, komme auch an Orte, an denen man ansonsten im Hotel-Urlaub vielleicht nicht landen würde. „Toll ist auch, dass man mit vielen Leuten ins Gespräch kommt“, schwärmen die beiden für ihre liebste Reiseart. Meist sind sie vier bis fünf Wochen am Stück unterwegs, „man muss ja auch erstmal im ankommen“, sagt Michael Ott.

Seit 60 Jahren campen Christel und Michael Ott auf der ganzen Welt. 2008 ging es mit dem Wohnwagen in die Südtürkei. Foto: pr
Seit 60 Jahren campen Christel und Michael Ott auf der ganzen Welt. 2008 ging es mit dem Wohnwagen in die Südtürkei. Foto: pr

Wenn es geht, packen sie zweimal im Jahr ihre Sachen. Heute steht ein Wohnwagen für die nächsten Touren bereit, gern wird er auch von den Kindern und Enkeln genutzt. Bei weit entfernten Reisezielen wurde der fahrbare Untersatz einfach vor Ort gemietet, etwa in Alaska oder Südamerika. In Argentinien ging es über die Anden nach Chile. In Neuseeland hatten Christel und Michael Ott ein Zelt dabei und wollten ein Wohnmobil mieten, bekamen dann den Tipp, dass die Mobile Homes auf den Plätzen günstiger seien und mieteten daraufhin einen normalen Pkw, um von A nach B zu kommen.

Auch in der Gruppe waren sie mit ihrem Wohnwagen schon unterwegs, erstmals in Marokko. In Biberach gebe es dafür einen Reiseanbieter, erzählt Michael Ott. Mit den neu gewonnenen Freunden der Marokko-Reisegruppe trifft sich das Ehepaar bis heute einmal jährlich. Zufällig entdeckte der passionierte Reiseplaner im letzten Jahr beim Biberacher Touranbieter eine geführte Gruppenreise auf dem Jakobsweg und buchte: Zu zwölft, mit vier Wohnmobilen und drei Wohnwägen inklusive Fahrrädern ging es im Juni 2017 los: 700 Kilometer standen auf dem Programm. Der Startschuss fiel in Horb am Neckar. „Den Jakobsweg darf man entweder zu Fuß, mit Esel oder Pferd oder eben per Fahrrad erwandern“, erklärt Christel Ott. Mit den Campern ging es immer ein Stück weiter zum nächsten Platz und von dort mit den Rädern auf Tour: „Wir sind immer eine machbare Tagesetappe auf dem Jakobsweg geradelt.“ Vom Endziel ging es zurück zum Campingplatz und mit dem Wohnwagen zum nächsten Übernachtungspunkt. Ab da wurde dann wieder geradelt. So ging es weiter bis Santiago de Compostela. 17 Stempel haben Christel und Michael Ott in ihrem Pilgerpass gesammelt. Mit dabei war diesmal sogar ein Kamerateam, das die Tour in der SWR-Reportage „Die Bleifuß-Pilger - mit dem Wohnmobil auf dem Jakobsweg“, festgehalten hat.

 

Die Reportage „Die Bleifuß-Pilger - Mit dem Wohnmobil auf dem Jakobsweg“ findet man in der SWR- oder ARD-Mediathek unter http://www.ardmediathek.de

Christel und Michael Ott aus Ostfildern campen für ihr Leben gern. Im vergangenen Sommer waren sie samt Wohnwagen und Fahrrädern
Christel und Michael Ott aus Ostfildern campen für ihr Leben gern. Im vergangenen Sommer waren sie samt Wohnwagen und Fahrrädern auf dem Jakobsweg unterwegs. 17 Stempel haben sie in ihrem Pilgerpass gesammelt. Fotos: pr/Katja Eisenhardt
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