Zwischen Neckar und Alb

Auf dem Schillerplatz erschallt ein Weckruf

Demonstration Bei einer Kundgebung in Nürtingen wurde auf den Rassismus in Deutschland aufmerksam gemacht.

Die Reutlinger Stadträtin Njeri Kinyanjui gehörte zu den Rednerinnen auf dem Schillerplatz. Foto: Matthäus Klemke
Die Reutlinger Stadträtin Njeri Kinyanjui gehörte zu den Rednerinnen auf dem Schillerplatz. Foto: Matthäus Klemke

Nürtingen. Unter Applaus betritt Njeri Kinyanjui am Samstag die kleine Bühne neben der Nürtinger Kreuzkirche. Die Reutlinger Stadträtin ist die einzige schwarze Stadträtin in ganz Baden-Württemberg. Auf Einladung des Bündnisses „Rassismus_geht_uns_alle_an_NT“ spricht auch sie auf dem Schillerplatz über ihre Erfahrungen mit unterschwelligem Rassismus. „Leute greifen mir ohne zu fragen in die Haare. Sie wollen mal anfassen. Ich bin kein Pudel. Wir sind keine Pudel“, sagt sie entschlossen in das Mikrofon.

Die rund 100 Zuschauer, die auf dem Boden vor der Bühne Platz genommen haben, applaudieren, einer schwarzen Frau rollen Tränen über die Wange. Die Redner prangern an diesem Tag den alltäglichen und institutionellen Rassismus an. „Das schwierigste für einen schwarzen Menschen ist es, eine Wohnung zu bekommen“, kritisiert Kinyanjui. Wer sich mit einem anderen Akzent am Telefon meldet, hat keine Chance, berichtet sie aus eigener Erfahrung. Die Nürtingerin Jaqueline Kpognon spricht von einem Vorstellungsgespräch und wie ihr Gegenüber allein wegen ihrer schwarzen Hautfarbe davon ausging, dass sie keine Deutsche sei.

„Es reicht nicht, Rassismus bloß abzulehnen“, sagt die 20-jährige Organisatorin der Kundgebung Anabel Sigel: „Man muss verstehen, wie Rassismen getragen werden.“ Tiefer in das Thema einsteigen, nicht bloß ankratzen - dies sei die Hauptidee hinter der Veranstaltung. Sigel selbst sei zum ersten Mal mit vier Jahren als „Negerkind“ beschimpft worden. Auch heute erlebe sie tagtäglich Alltagsrassismus. „Wir wollen ein Netzwerk für diejenigen Leute schaffen, die unter Rassismus leiden.“

Froh über „viele weiße Leute“

Mit der Anzahl an Besuchern die zur Kundgebung kamen ist sie zufrieden: „Besonders freut mich, dass so viele weiße Leute gekommen sind“, sagt die Nürtingerin: „Wir Schwarzen erleben Rassismus jeden Tag. Es ist wichtig dass das Thema auch von der Seite aufgearbeitet wird, die das nicht erlebt.“

Eigentlich sollte die Veranstaltung des neugegründeten Bündnisses am Lammbrunnen stattfinden. Nachdem sich schnell 100 Teilnehmer angekündigt hatten, war klar, dass man mehr Platz brauchen wird, um die Hygieneregeln einhalten zu können. Aus diesem Grund zog man zum Schillerplatz um. Sigel selbst sprach vor dem Publikum über koloniale und rassistische Sprache und machte deutlich, dass die Rassismus-Debatte zwar auch durch den Tod des US-Amerikaners George Floyd ausgelöst worden sei, es sich deshalb aber nicht um ein Problem handle, das es nur in den USA gebe. Matthäus Klemke

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