Zwischen Neckar und Alb

Aufschwung mit Unterhose und Korsett

Ausstellung Die Industrieabteilung im Nürtinger Stadtmuseum wurde modernisiert und öffnet jetzt wieder.

Nürtingen. „Siehst du, wie das Licht auf das Bild fällt? Das müssen wir noch ändern“, sagt Beraterin Ursula Dworák zu Museumsleiterin Angela Wagner-Gnan und zeigt auf ein Gemälde, das Nürtingen um 1873 zeigt.

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Es sind noch ein paar Handgriffe, die bis zur Eröffnung der neu gestalteten Industrieausstellung im Nürtinger Stadtmuseum getan werden müssen. Schließlich soll alles perfekt sein, wenn sich die Geschichte der Industrialisierung in Nürtingen in neuem Gewand präsentiert.

Unter dem Titel „Mensch und Maschine“ hat Wagner-Gnan die Ausstellung zusammen mit Ursula Dworák vom Stuttgarter Planungsbüro Museo-Consult konzipiert. „Die Industrialisierung betrifft nicht nur die Technik, sondern auch den Alltag und die Lebensweise der Menschen“, sagt Wagner-Gnan. Betritt man die Ausstellung im ersten Obergeschoss des alten Schützenhauses, fällt einem die Zeittafel auf, die sich über drei Wände erstreckt. „Wir zeigen den Abstieg und Aufstieg der Stadt Nürtingen seit dem frühen 19. Jahrhundert“, erklärt die Museumsleiterin. Eine Stempeluhr am Ende des Zeitstrahls markiert den Durchbruch der Stadt zum Industriestandort.

Ein Blickfang ist auch der Blasebalg, der in den Nachbau einer Schmiede integriert wurde. Hier werden der Untergang des Schmiedehandwerks und der Aufstieg der mechanischen Werkstätten illustriert, aus denen sich bedeutende Fabriken wie Heller oder Metabo entwickelten.

Zusammen mit der Metallbranche bilden die Textil- und die Möbelbranche die drei Hauptbereiche, die Nürtingen geprägt haben. So sind neben schwerem Gerät wie einer Bohrmaschine von 1919 auch eine originale Verwaltungstür der Möbelfabrik Weller und ein Korsett made in Nürtingen zu bestaunen. „Es geht auch da­rum, den Leuten etwas in Erinnerung zu rufen“, sagt Wagner-Gnan: „Jeder weiß, dass Nürtingen die Stadt der Strickwaren war. Aber die wenigsten wissen auch, dass hier Korsetts hergestellt wurden.“

Statt auf Zahlen und Fakten setzt man jetzt auch auf Grafik und Interaktivität, mit Filmen und einer Kinder-Bohrmaschine zum Ausprobieren.

Ausstellung mit Aha-Effekt

Die Ausstellung spielt mit der Neugier der Besucher. An keinem der Ausstellungsstücke läuft man vorbei, ohne einen Blick in die dazugehörigen Schubladen zu werfen. „Es ist fast schon ein wenig voyeuristisch“, sagt Wagner-Gnan. In den Schubladen verbergen sich kleine Schätze, wie beispielsweise eine Männerunterhose aus Wolle von 1942. „Mein Lieblings-Ausstellungsstück“, sagt Angela Wagner-Gnan lachend.

Schon lange hatte sie den Wunsch, die Industrieausstellung zu erneuern, immerhin ist das Thema beliebt: „Die Leute haben sich schon immer für diese Zeit interessiert, weil viele noch wissen, wie es früher aussah. Einem Museum kann nichts Besseres passieren, als beim Besucher einen Aha-Effekt zu erzeugen.“

Allerdings fehlte bisher immer das nötige Kleingeld, um die Ausstellung von 1995 zu entstauben. „Es war mir peinlich, Leute noch hierher einzuladen. Aber es war nie Geld da, um sie zu modernisieren.“ 30 000 Euro hat die Modernisierung gekostet - 15 000 Euro wurden vom Förderverein Stadtmuseum Nürtingen übernommen. Die andere Hälfte kam durch Kosteneinsparungen und die Verschiebung einer Sonderausstellung herein. „Angesichts des Budgets haben wir viel geschafft“, sagt Museumsberaterin Dworák: „Da können sich die Verantwortlichen auf die Schulter klopfen.“ In einer Ecke des 160 Quadratmeter großen Ausstellungsraums ist noch Platz. „Wir planen noch, die moderne Industrie zu veranschaulichen - also Nürtingen 4.0“, sagt Dworák: „Hier ist nichts in Beton gegossen. Wir sind noch nicht fertig“, kündigt die Museumsberaterin an.Matthäus Klemke