Zwischen Neckar und Alb

Aus Kambodscha Esslinger Banken beraubt

Gericht Einem 29-Jährigen, der 1,6 Millionen Euro Schaden angerichtet haben soll, wird nun der Prozess gemacht.

Gericht
Symbolbild

Esslingen. Die Telefonüberwachung einer Rufnummer in Kambodscha habe den entscheidenden Durchbruch gebracht, erzählte ein Beamter des Landeskriminalamtes am zweiten Verhandlungstag vor dem Stuttgarter Landgericht. Anfang vergangenen Jahres hätten sich Kollegen aus ganz Süddeutschland bei ihm gemeldet, da sich seit April 2016 die Anzeigen von geschädigten Kunden von Volksbanken und Raiffeisenbanken häuften und es Hinweise auf einen einzigen Täter gab. Ein vierköpfiges Team von Ermittlern machte sich nun ans Werk. Zunächst waren rund 30 Fälle bekannt gewesen, bei denen der Anrufer sich mit den Zugangsdaten von Kontoinhabern bis hin zu Antworten auf Sicherheitsfragen auswies und so erreichte, dass Mitarbeiter das bisherige TAN-Verfahren oder die bisherige hinterlegte Rufnummer änderten. So konnten mit einer SMS aufs Handy Überweisungen unberechtigterweise getätigt werden. Im Laufe der Zeit wurden es immer mehr, darunter zwei Transaktionen von jeweils 50 000 Euro von einem Konto einer Volksbank im Kreis Esslingen. Laut Staatsanwältin soll sich der Schaden auf 1,6 Millionen Euro belaufen haben.

Anhand der vom Täter angegebenen, fortlaufenden Rufnummern hat man festgestellt, dass SIM-Karten im großen Stil eingekauft worden waren, darunter allein 250 in Baden-Baden, berichtete der Zeuge. Der Betrüger habe diese Karte wohl nach zwei bis drei Anrufen weggeworfen, aber nach der Auswertung von Verkehrsdaten sei man immer wieder auf Kambodscha gestoßen, nach der Überwachung einer dortigen Rufnummer auf den Angeklagten. Als dieser seinen Vater in München angerufen hat, habe man den 29-Jährigen identifizieren können und festgestellt, dass er bereits vor Jahren wegen Computerbetrugs verdächtigt wurde und es zu einer Festnahme in Thailand gekommen sei.

Im Osterurlaub festgenommen

Bei einem Stimmenvergleich zwischen den Aufzeichnungen vom Anrufer bei den Banken und den Telefongesprächen des Angeklagten haben Sachverständige laut dem Kriminalbeamten eine hohe Übereinstimmung festgestellt. Bei seinem Besuch der Familie an Ostern vergangenen Jahres in München wurde der 29-Jährige, der mit einem Rumänen als Chauffeur angereist war, zunächst observiert und einen Tag später festgenommen. Bis jetzt schweigt der Mann zu den Vorwürfen, erzählte aber von seinem Leben in Thailand, in dem er bis zu seiner Festnahme 2010 als „Mädchen für alles“ in einem Restaurant gearbeitet habe. Vier Monate lang habe er mit bis zu 200 Gefangenen eine Zelle teilen müssen, sei dann aber nach Zahlung einer Kaution von 20 000 Euro frei gekommen und mit dem Boot über die grüne Grenze nach Kambodscha geflohen. Dort will der 29-Jährige in Phnom Penh in einem Restaurant mit Pokertischen im Hinterzimmer gearbeitet haben. „Angesichts der Akten haben Sie wohl in einem sehr ansprechenden Ambiente gelebt“, meinte der Vorsitzende Richter. Laut Angeklagtem betrug die Miete für das Appartement 2 000 Dollar monatlich.

Zunächst habe er nicht nach Deutschland einreisen können, weil dort ebenfalls ein Haftbefehl vorgelegen hat. Als der 2013 aufgehoben worden ist, soll der 29-Jährige mindestens zwei Mal im Jahr seine Familie besucht haben. Der Vorsitzende Richter gab dem Angeklagten Zeit, sich bis 4. Mai zu den Vorwürfen zu äußern: „Ein frühzeitiges Geständnis kann zu einer geringeren Freiheitsstrafe führen.“ Der Prozess soll am morgigen Donnerstag fortgesetzt werden.Sabine Försterling

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