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Austausch mit anderen hilftInfo

Zehn Jahre Treffen der Suchtberatung Nürtingen

Seit 40 Jahren bietet die Psychosoziale Beratungs- und Behandlungsstelle für Suchtgefährdete und Suchtkranke Nürtingen (PSB) Betroffenen und ihren ­Angehörigen Rat und Hilfe an.

Kreis Esslingen. 1976 wurde die PSB, die von Landkreis und Kreisdiakonieverband Esslingen gemeinsam getragen wird, ins Leben gerufen, um Menschen mit Suchtproblemen und ihren Angehörigen Beratung und Begleitung zu bieten. „Rund 700 Menschen kommen jedes Jahr neu“, sagt Maria Köster-Sommer, Leiterin der PSB. Etwa 80 Prozent sind alkoholkrank, die anderen sind spielsüchtig, nikotin- oder medikamentenabhängig. Meist ist es der Druck von außen – durch Angehörige, Arbeitgeber, Ärzte oder bei Führerscheinentzug – der die Betroffenen motiviert, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. In der Beratung liegt zwar der Fokus auf der Sucht, es wird jedoch immer die ganze psychosoziale Situation betrachtet. Häufig kommen zur Sucht weitere Probleme wie Depressionen und andere psychische Störungen. „Das erfordert dann eine komplexere Behandlung“, so Köster-Sommer. An erster Stelle steht die Suchtbehandlung. Therapeut Gunter Wöllenstein ist überzeugt: „Wenn Menschen abstinent leben, bekommen sie auch ihre weiteren Probleme in den Griff.“

Um eine Sucht zu behandeln, gibt es laut Köster-Sommer drei Möglichkeiten: Die 16-wöchige stationäre Langzeittherapie wird denjenigen empfohlen, die sich zum ersten Mal mit ihrer Abhängigkeit auseinandersetzen. „Viele können das aber nicht wegen des Berufs oder weil sie kleine Kinder haben“, so Köster-Sommer. Dann ist eine Kombination aus einer kürzeren stationären und einer anschließenden ambulanten und damit wohnortnahen Reha möglich. Voraussetzung für eine komplett ambulante Behandlung ist, dass die Betroffenen nach einer Entgiftung in einer Klinik zur Abstinenz fähig sind, bevor sie in die einjährige Reha starten.

Die ambulante Reha schließen jährlich 50 bis 60 Menschen ab. Sie besteht aus einer Kombination von Gruppengesprächen und Einzelsitzungen. An allen drei Standorten der PSB in Nürtingen, Kirchheim und Leinfelden-Echterdingen werden solche Gruppen angeboten. Eine Gruppe wendet sich an Spielsüchtige. Sechswöchige Nikotinentwöhnungskurse werden stärker nachgefragt. Weil sich Sucht durch viele Lebensbereiche zieht, arbeitet die PSB mit anderen sozialen Diensten zusammen. Einerseits geht es darum, die weiteren Belastungen der Patienten wie Arbeitslosigkeit zu mindern. „Wir wollen aber vor allem auch für die Suchtproblematik sensibilisieren, wenn etwa das Kindeswohl gefährdet ist“, nennt Köster-Sommer ein Beispiel.

Die Arbeit der PSB hat sich im Lauf der Jahre verändert: „Die Menschen holen sich heute früher Hilfe“, erklärt Wöllenstein. Ist die Krankheit noch nicht so stark verfestigt, sind ambulante Behandlungsformen eher möglich. Auch in den Gruppen haben sich die Themen verändert. Immer häufiger sind die Verdichtung der Arbeit, berufliche Belastung oder Mobbing Thema. 70 Prozent der Teilnehmer in den Gruppen sind Männer. „Für viele ist es ungewohnt, sich mit sich selbst zu beschäftigen und über sich zu sprechen“, erklärt Köster-Sommer.

Der Austausch der ehemaligen Teilnehmer an der ambulanten Reha ist ein wichtiger Zweck der jährlichen Treffen, zu denen regelmäßig rund 60  Frauen und Männer kommen. Hier können sie die Kontakte mit ihren Therapeuten halten oder erneuern und sich mit Betroffenen austauschen. Die Treffen sollen motivieren, an der Abstinenz festzuhalten. „Die Treffen haben auch Nachsorgecharakter und können enorm stabilisierend sein“, erklärt Köster-Sommer. Denen, die über viele Jahre trocken geblieben sind, wird durch die Treffen Wertschätzung und Würdigung dessen, was sie erreicht haben, zuteil. Auch für die Therapeuten sind diese Begegnungen wertvoll: „Es ist toll, zu erleben, welches Persönlichkeitswachstum stattfindet, wenn Menschen über Jahre abstinent sind“, sagt Wöllenstein.

Das Jubiläumstreffen am Montag, 24. September, wird mit einem Auftritt der Wilden Bühne Stuttgart gefeiert. Abstinent lebende Suchtkranke spielen dort Improvisationstheater. Ehemalige Teilnehmer der ambulanten Reha können sich bei der PSB anmelden, Telefon 0 70 22/9 32 44-0 oder per E‑Mail an info@suchtberatung-nuertingen.de.

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