Zwischen Neckar und Alb

Automatisch Organspender?

Organspende Vorschläge für ein neues Transplantationsgesetz sorgen für Diskussionen. – Der Bundestagsabgeordnete Hennrich ist gegen die Widerspruchslösung des Gesundheitsministers. Von Lynn Esenwein und Philip Sandrock

Ein Organspendeausweis gehört in jeden Geldbeutel. Das findet nicht nur Gesundheitsminister Jens Spahn. Foto: Jean-Luc Jacques
Ein Organspendeausweis gehört in jeden Geldbeutel. Das findet nicht nur Gesundheitsminister Jens Spahn. Foto: Jean-Luc Jacques

CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn sieht angesichts sinkender Organspenderzahlen dringend Handlungsbedarf: Er schlägt die „Widerspruchslösung“ vor. Sein Parteifreund, der Bundestagsabgeordnete und Gesundheitsfachmann aus Kirchheim Michael Hennrich, ist dagegen. Vielmehr sieht er einen geeigneteren Lösungsansatz in der Einführung eines Bonuspunktesystems.

Im Jahr 2017 erreichte die Organspenderzahl in Deutschland den absoluten Tiefpunkt. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organspende (DSO) warten bundesweit über 10 000 Menschen auf eine Organspende. Aber nur 797 Menschen spendeten im vergangenen Jahr nach ihrem Tod ein Organ.

Der Gesundheitsminister möchte angesichts der sinkenden Organspenderzahlen eine neue Lösung finden, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. „Ich bin für eine doppelte Widerspruchslösung. Das heißt, dass jeder zu Lebzeiten ausdrücklich ,nein‘ sagen kann - und ansonsten die Angehörigen zu fragen sind. Nur so kann die Organspende zum Normalfall werden“, wird Spahn auf der Website des Bundesministeriums für Gesundheit zitiert.

Bei dieser gesetzlichen Regelung müssten also alle Bürger, die sich einer Organspende verwehren, zu Lebzeiten widersprechen. Dafür könnte beispielsweise ein Widerspruchsregister eingeführt werden. Dieser Umgang mit der Organspende ist bereits in zahlreichen anderen europäischen Ländern wie beispielsweise Österreich oder Spanien üblich. In europäischen Ländern mit dieser Regelung gibt es laut Statistiken der Organisation Eurotransplant mehr Organspenden.

Das sei jedoch nicht der richtige Ansatz, um die Zahl der Transplantationen zu erhöhen, sagt Michael Hennrich. Der Nürtinger CDU-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitsexperte seiner Partei ist gegen die Vorschläge seines Parteifreunds Spahn.

Bonuspunkte für Spender

Allein aus ethischen Gründen sei er gegen die angedachte Widerspruchslösung. „Die Menschenwürde gilt auch nach dem Tod“, sagt Hennrich. Ein Mensch dürfe nicht nach Lebensende vom Subjekt zum Objekt gemacht werden, das als Ersatzteillager dienen könne. Stattdessen schlägt Hennrich vor, dass man Menschen, die bereit sind, ihre Organe zu spenden, dann bevorzugen könne, wenn sie selbst eine Organspende benötigen. Das könne beispielsweise über ein Zeit-Bonussystem auf Wartelisten funktionieren.

Michael Hennrich weist zudem darauf hin, dass viele Kliniken nicht die weiteren Kapazitäten hätten, deutlich mehr Spenderorgane zu entnehmen als bisher. Ebenso fehlen seiner Meinung nach die organisatorischen Strukturen. „Insgesamt muss das gesamte System transparenter werden“, so der CDU-Abgeordnete. Eine Gesetzesänderung, die über die Widerspruchslösung oder gar ein Bonuspunktesystem entscheidet, wird es vorerst nicht geben. Gesundheitsminister Spahn will erst einmal eine offene Debatte im Bundestag anregen. Allerdings will Parlamentarier Hennrich mit dem Thema nicht allzu lange warten - der Gesetzentwurf sei in Arbeit, sagt er. Er rechnet mit einer Debatte und einer Entscheidung im kommenden Frühjahr.

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