Zwischen Neckar und Alb

Bei Anruf Poesie

Corona Die Lyrikerin Dorothee Schmid aus Dürnau trägt am Telefon ihre Gedichte vor.

Dorothee Schmid liest allen Lyrik-Begeisterten am Telefon ihre Gedichte vor.Foto: Sabine Ackermann
Dorothee Schmid liest allen Lyrik-Begeisterten am Telefon ihre Gedichte vor.Foto: Sabine Ackermann

Kreis Göppingen. Ihre Inspiration kann auch die Pandemie nicht ausbremsen. Es passiert einfach. Wie einem inneren Zwang folgend, bringt Dorothee Schmid seit Jahren alles, was ihr wichtig erscheint, handgeschrieben und gereimt zu Papier. Nicht nur. Ihr Zugewandte kennen sie aus Lesungen oder lernen sie seit Monaten am Telefon kennen. „Gerade in diesen Zeiten wünsche ich mir, dass der Mensch zurückkehrt zum Herzdenken und Herzfühlen“, sagt die gebürtige Heidenheimerin, die nach vielen Stationen in Südafrika, Giengen, Ebersbach und Zell seit 1994 in Dürnau lebt. Und es käme ihrem Naturell nicht gleich, wenn darauf nicht gleich ein Vierzeiler folgen würde: „Wer jetzt erkennt, was Menschen trennt / Dem zeigt ein Virus einen Wert / Den man erst in der Not erfährt.“

Vertraute Impulsgeber motivierten sie im Herbst ihres Lebens, ihre anfänglich karg publizierte Dichtkunst auszuweiten. „Schreib’ was von der Kindheit“, wurde sie einst von Tochter Natali gebeten. Wunschtechnisch war’s das dann aber auch. Seitdem gibt es nichts auf Bestellung, es sei vielmehr ein Automatismus, wie auf Knopfdruck. Immer inspirativ, nie konstruiert. Auch der bekannte Göppinger Künstler Klaus Heider erkannte ihr musisches Talent. 2013. Nur wenige Monate vor seinem Tod begegneten sich der Hochschullehrer und Dorothee Schmid immer wieder im Bad Boller Freibad. Sie waren sich sympathisch, kamen ins Plaudern. Und die lebhafte 74-Jährige parliert gerne, redet viel, schnell und ständig. „Es sprudelt wie ein Wasserfall einfach aus mir so heraus“, beteuert die Poetin, die man in der Tat in ihrem Redefluss häufig bremsen muss. Doch da ist sie niemandem böse. „Ich gehe mit positiver Grundeinstellung durchs Leben“, bekräftigt Dorothee Schmid, und man nimmt es ihr ab.

Waren es zu Beginn Zeitdokumente, insbesondere Umwelt und Natur, Ethik, Moral und Politik oder eben: „Dei Sicht, mei Sicht, Einsicht“, verrät die aktive Seniorin: „Aktuell inspirieren mich Dichter und Denker verschiedener Epochen.“ Sie beschäftigt sich intensiv mit Albrecht Fölsings Biographie von Albert Einstein oder setzt sich mit der Gedankenwelt von Hölderlin, Hegel und Mörike auseinander. Mittlerweile sind es 1147 Gedichte auf Deutsch, Englisch und Schwäbisch, die ihr Mann Bernhard der besseren Ordnung halber digitalisiert hat.

Aufgrund der aktuellen Situation bietet Dorothee Schmid ihre Lyrik am Telefon an. Von 18.30 Uhr bis 19.30 Uhr ist sie täglich erreichbar. „Wer akustisch von der Muse geküsst werden will, kann bei mir anrufen“, erzählt die Dürnauer Poetin und ergänzt: „Auch am Wochenende koschtet des nix.“ Die Interessierten am anderen Ende der Leitung dürfen sich drei Gedichte aus ihrem vielschichtigen Repertoire wünschen. Darüber hinaus empfiehlt sie den „Gedankenspaziergang“ am Skulpturenweg ihres Heimatortes. Die Arbeiten des Künstlers Manfred Maier und installierten Gedichte von Dorothee Schmid laden ein „zur Kunst im Dialog“, lautet die Überschrift des gemeinsamen Projekts. Hier sind unter anderem zehn Baumgedichte zu lesen, etwa: „Er ummalt den eig’nen Raum / Pflanzt sich fort in Frucht und Flaum / Apfel - Birnen - Lindenform / Zeigt im Blatt, der Frucht, die Norm.“

Sabine Ackermann

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