Zwischen Neckar und Alb

Biber bauen am Beutwangsee

Natur Am Baggersee bei Neckarhausen hat sich offenbar eine ganze Familie der Nagetier-Gattung häuslich niedergelassen – ein Novum im Landkreis. Von Uwe Gottwald

Auch vor solch mächtigen Weiden schrecken Biber am Beutwangsee nicht zurück. Man lässt sie gewähren, entlang des Neckartalradweg
Auch vor solch mächtigen Weiden schrecken Biber am Beutwangsee nicht zurück. Man lässt sie gewähren, entlang des Neckartalradwegs werden jedoch Schutzmaßnahmen ergriffen. Foto: Jürgen Holzwarth

Für Jochen Hildenbrand, Umweltbeauftragter in Nürtingen, war der Beutwangsee schon seit Längerem Biber-Erwartungsland. Entlang des Neckars wurden zwar immer wieder Spuren entdeckt, und auch die Biber am Beutwang hatte Hildenbrand bereits seit zwei Jahren auf seiner Liste. Darüber reden wollte er jedoch nicht, sind die Tiere, die sich auf der Suche nach geeigneten Revieren befinden, doch oft nur auf der Durchreise.

Anders scheint das mit der Biberfamilie am Beutwangsee zu sein. Selbst hat er sie zwar noch nicht gesehen, da Biber vor allem in der Dämmerung und nachts aktiv sind. Ihre Spuren sprechen jedoch eine deutliche Sprache: kegelförmig angenagte Äste und sogar ganze Baumstämme sind das Resultat ihrer beachtlichen Arbeitsleistung. Dass sich bei den Beutwang-Bibern Nachwuchs eingestellt hat, werde von Anglern berichtet, die in aller Stille viel Zeit am See verbringen. „Meines Wissens sind Biber mit Nachwuchs ein Novum im Kreis Esslingen“, so Hildenbrand.

Die Nager, die sich rein vegetarisch ernähren, fällen Bäume vor allem, um an junge Zweige, Blätter und Rinde als Nahrung he­ranzukommen. Als Futter-Reserve für den Winter häufen sie das Baummaterial auch schon mal an. Baumaterial für die bekannte Biberburg oder den Biberdamm sind eher ein nachrangiges Anliegen. Diese Bauten errichten sie dann, wenn sie nicht ausreichende Gewässer um sich herum als Schutz vorfinden - die Tiere sind an Land doch eher behäbig. Mit ihrem flachen Schwanz als Steuerruder und ihren Schwimmhäuten sind sie im Wasser dagegen ganz in ihrem Element. Außerdem bieten ihnen Seen auch Wasserpflanzen als Nahrung. Finden sie solche Lebensräume nicht vor, kann es sein, dass sie sie sich schaffen, indem sie Bachläufe oder landwirtschaftliche Entwässerungsgräben aufstauen.

Ein möglichst gleichbleibender Wasserstand, den Biber mit ihren Dämmen regulieren, ist für sie deshalb wichtig, weil ihre Behausungen, meist Höhlen in Böschungen, nur tauchend erreichbar sein sollen. So sollen sie gegen Jäger wie Bär, Wolf oder Luchs geschützt sein. Das Verhalten ist angeboren und kommt auch dann zum Tragen, wenn solche Jäger längst schon fehlen.

„Im Beutwang haben sie sich wohl in die Uferböschung gegraben“, so Hildenbrand. Äste zur Burg türme der Biber darauf meist nur dann, wenn die Höhle zum Teil eingebrochen ist. Daneben, so Hildenbrand, graben die Tiere Röhren zum Fressen oder als Zufluchtsraum während ihren nächtlichen Streifzügen. Auch entlang des Neckars sei das immer wieder zu beobachten, verursacht wohl aber von wandernden Bibern.

Falls es nötig werden sollte, müssten Dammbauten gegen Untergrabungen geschützt werden. Zum Teil tun sich die Beutwang-Biber auch gütlich in Maisfeldern, ihre Röhren reichen bis dort hin. Insgesamt stellt Hildenbrand bislang allerdings noch keine größeren Schäden fest. Zwar nimmt die Anzahl der angenagten Bäume, vor allem Weiden und Pappeln, am Beutwangsee zu, doch vertrage das die Natur. Die Bäume trieben meist wieder aus.

Problematisch wird es dann, wenn der Biber Bäume entlang des Neckartalradwegs, der am See entlangläuft, in Angriff nimmt. „Dann sind wir in der Verkehrssicherungspflicht“, sagt Neckarhausens Ortsvorsteher Bernd Schwartz. Angenagte Bäume stellen dann ein potenzielles Risiko dar. Sie wurden nun mit Drahtmanschetten gesichert, die selbst den scharfen Biberzähnen standhalten. Angenagte Bäume außerhalb der Gefahrenzone werden stehen gelassen. „Sonst nimmt sich der Biber gleich den nächsten vor“, so Hildenbrands Begründung.

Weil der See schon lange keine Badegäste mehr hat, sind weitere Risiken gering. In dieser Ruhe vermutet Hildenbrand auch mit einen Grund dafür, dass sich der Biber samt Nachwuchs niedergelassen hat: „Sie finden ideale Bedingungen vor, in dieses Biotop passen sie hinein.“ So seien sie auch Landschaftsgestalter, die der Renaturierung Vorschub leisten.

Der Umweltbeauftragte weiß aber auch, dass dieses Verhalten mit den Belangen von Menschen in Konflikt treten kann: „Andernorts haben Biber schon einen ganzen Stadtwald niedergemacht.“ Deshalb müsse man beobachten, wie sich die Population entwickelt. Nach circa zwei Jahren werden die halbwüchsigen Biber von ihren Eltern vertrieben. Ob ihnen der Raum am Beutwang für weitere Bauten reicht oder ob sie weiterziehen, ist noch nicht zu sagen.

Notfalls müssten Anstauungen reguliert werden, wie das im Alb-Donau-Gebiet schon geschehe. Auch gebe es in manchen Gegenden schon Bestrebungen, das Bejagungsverbot zeitweise auszusetzen. Bis dahin stehen Biber jedoch unter strengem Artenschutz.

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