Zwischen Neckar und Alb

Blitze bleiben gefährlich und rätselhaft

Verletzter Zwölfjähriger weiter auf Intensivstation – Kaum Spezialisten zur Behandlung von Blitzopfern

Am Wochenende sind mehrere Personen durch die elektrischen Ströme aus dem Himmel ­verletzt worden, darunter auch ein Junge in Aichwald.

Greta Gramberg

Kreis Esslingen. Während sich der Zwölfjährige nach Angaben des Krankenhauses in einem kritischen, aber stabilen Gesundheitszustand befindet, mahnen Meteorologen, sich in dieser Woche weiterhin vor den gefährlichen Wettererscheinungen in Acht zu nehmen. Denn wer getroffen wird und nicht stirbt, hat womöglich sein Leben lang mit den Folgen zu kämpfen – und findet in der Regel nur wenige spezialisierte Ärzte zur Behandlung.

Das Unglück, das sich am Sonntagnachmittag auf einem Sportplatz in Aichwald ereignet hat, hätte wohl niemand abwenden können. Denn das erste Anzeichen des Gewitters war gleich der Blitz, der einen Fußball spielenden Zwölfjährigen lebensgefährlich verletzte. Sein Zustand sei kritisch stabil, sagte eine Sprecherin des Klinikums Esslingen. „Er braucht einfach noch Erholungszeit.“

Strom, hohe Temperaturen und eine Druckwelle

Kein Wunder, denn ein Blitz kann einiges an Schaden im menschlichen Körper anrichten. Seine Waffen sind Strom, hohe Temperaturen und eine Druckwelle, wie Fred Zack von der Universität Rostock erklärt. Der Rechtsmediziner beschäftigt sich intensiv vor allem mit Todesfällen durch Blitzschlag. Während der durch den Körper fließende elektrische Strom vor allem Herz, Gehirn und Nerven schädigen könne, sei die übergroße Hitze für innere Verbrennungen und Versengungen der Haut verantwortlich, sagt Zack. Im Zentrum eines Blitzkanals, der etwa fingerdick ist, können dem Experten zufolge 25 000 bis 30 000 Grad herrschen. „Die Opfer hätten keine Chance, wenn der Schlag nicht so kurz wäre.“ Die Druckwelle des Knalls bringt zudem leicht mal das Trommelfell zum Platzen.

Die Liste der Symptome und möglichen Gesundheitsschäden ist dementsprechend lang und reicht vom Herzstillstand über Lähmungen bis hin zur Depression. Die Erfahrungen der meisten Ärzte, die Blitzschlag­opfer behandeln, ist dagegen wohl gleich null: Schließlich gibt es mehr Mediziner als Betroffene. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind seit der Jahrtausendwende in Deutschland jährlich ein bis acht Menschen an den Folgen eines Blitzschlages gestorben. Weil sie weder regional noch bundesweit statistisch erfasst werden, ist völlig unklar, wie viele Opfer ein solches Ereignis überleben. Zwar hat Rechtsmediziner und Dozent Fred Zack mit einer Doktorandin statistische Arbeiten aus aller Welt verglichen und errechnet, dass rund ein Viertel aller Betroffenen stirbt. Eine zutreffende Schätzung der Überlebenden von Blitzschlägen lasse sich daraus aber nicht errechnen, meint der Experte. Denn zwischen den verglichenen Studien gebe es erhebliche Differenzen bei der Todeswahrscheinlichkeit. Sie variiert zwischen zehn und 90 Prozent.

Allgemein sieht Zack es als Nachteil an, dass in Deutschland Forschung und Literatur zu Blitzopfern und ihrer Behandlung recht dürftig sind – im Gegensatz zu Amerika, wo es mehr Fallzahlen gibt. Er selbst ist Mitte der 90er-Jahre auf das Thema gestoßen, als er ein verstorbenes Blitzopfer in der Rechtsmedizin untersuchte, dessen Symptome er keiner Beschreibung in der deutschen Fachwelt zuordnen konnte. Seither beschäftigt er sich intensiv vor allem mit Todesfällen infolge der elektrischen Ströme vom Himmel. Im Hinblick auf diejenigen, die trotz Blitzschlag nicht auf seinem Tisch liegen, ist für den Experten klar: „Eine zentralere Anlaufstelle wäre für die Patienten gut.“ Denn wegen der vielen Schäden, die der Blitz im Körper anrichten kann, müssen Untersuchung und Behandlung interdisziplinär geschehen, das heißt Kardiologe, Dermatologe, Neurologe, Psychologe und andere sollten zusammenarbeiten.

Folgeschäden werden oft nicht erkannt

Lediglich an einem Ort in Deutschland gibt es solch einen Versuch, Blitzopfer in allen Sparten an einem Ort zu behandeln: in der Klinik für Neurologie der Universität Regensburg am Bezirksklinikum. Dort werden mögliche Früh- und Spätschäden von allen Seiten untersucht. Ingo Kleiter ist inzwischen Neurologe am Uniklinikum in Bochum. Zuvor hat er aber im Regensburger Zentrum für Blitzopfer gearbeitet. „Die Akutbehandlung funktioniert meistens sehr gut durch die Notfallmediziner“, sagt er und stützt diese Einschätzung auf seine Erfahrung. Patienten mit Herzstillstand könnten vor Ort gut wiederbelebt werden, weitere Herz-Rhythmus-Störungen und Hautverbrennungen würden erkannt und behandelt.

Probleme sieht der Mediziner dagegen bei der Erkennung von Folgeschäden, die erst eine Zeit nach dem Unfall zu Problemen führen. „Primär sind das Erkrankungen von Nervensystemen“, sagt Kleiter. Erkannt werden können sie nur mit speziellen Geräten. „Patienten haben oft unspezifische Beschwerden wie Gedächtnisprobleme oder Konzentrationsschwierigkeiten.“ Das werde oft als rein psychische Beeinträchtigung durch einen Blitzschlag abgetan, obwohl oft sowohl Psyche als auch Schäden an den Nerven im Zusammenspiel die Ursache sein könnten.

Ingo Kleiter schätzt, dass jedes zweite Opfer eines Blitzschlages Folgeschäden davonträgt, manche blieben für immer. Deswegen sollten auch die anderen Besucher des Aichwalder Sportplatzes, die nicht so stark verletzt wurden wie der zwölfjährige Junge, in den nächsten Monaten auf sich und ihre Gesundheit achtgeben.

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