Zwischen Neckar und Alb

Bürgerbegehren kontra Kirchenabriss

Die Initiative Pro Johanneskirche und der Freundeskreis wollen die Wendlinger Bürger entscheiden lassen

Nach dem Architektenwettbewerb war es ruhig geworden um die beiden Initiativen der Johanneskirche. Umso lauter verschaffen sie sich jetzt Gehör: Über ein Bürgerbegehren wollen sie einen Bürgerentscheid zur Rettung der Johanneskirche erwirken.

Wendlingen. Das geplante Bürgerbegehren richtet sich nicht an die Kirchengemeinde, sondern an die bürgerliche Gemeinde. Nach der erst Ende des vergangenen Jahres geänderten Gemeindeordnung reichen sieben Prozent der wahlberichtigten Wendlinger Bürger, das sind knapp 800 Stimmen, damit das Bürgerbegehren angenommen werden kann. Der Gemeinderat überprüft anschließend, ob das Begehren zulässig ist. Ist das gegeben, gibt es einen Bürgerentscheid.

Mit ihrer geplanten Aktion wollen der Freundeskreis der evangelischen Johanneskirche und die Initiative Pro Johanneskirche eine breite Diskussion in der Bevölkerung entfachen, der sich auch die Stadt und der Gemeinderat nicht entziehen können. Denn bisher sei die bürgerliche Gemeinde der Auffassung gewesen, dass die Angelegenheit Sache der evangelischen Kirchengemeinde sei. Das sehen die Befürworter der Kirche aber nicht so, da das Gotteshaus eine „orts- und zeitgeschichtliche Bedeutung“ für Wendlingen hat.

Aus ihrer Sicht haben sie vor allem aber zu wenig Gehör bei der Kirchengemeinde gefunden. Tief sitzt der Schmerz ob des Versprechens, im Rahmen der Fusion der beiden Kirchengemeinden Wendlingen und Unterboihingen, dass die Johanneskirche erhalten bleiben soll. Selbst der Dekan hat den Bestand der Kirche zugesichert, sagte Heinz Gfrör, beim Bau der Johanneskirche örtlicher Bauleiter und jetzt Mitstreiter in der Initiative Pro Johanneskirche, im Rahmen eines Pressegesprächs. Ein offener Dialog sei über die Kirche nicht geführt worden, bestätigte Hans Köhler, ebenfalls von der Initiative und früherer Bürgermeister der Stadt Wendlingen. Er vermisst, wie die anderen, die Einbeziehung der Ökumene – ebenso eine Rücksichtnahme auf die Zwangsverheiratung der beiden Gemeinden Wendlingen und Unterboihingen. „Darauf hätte man schon bei der Fusion der beiden Kirchengemeinden stärker achten sollen. Die Johanneskirche ist ein Symbol für das Zusammenwachsen von Wendlingen und Unterboihingen“, so Köhler.

Versäumt hat die Kirchengemeinde laut Heinz Gfrör die Forderung der beiden Initiativen, eine Machbarkeitsstudie zum Umbau der Kirche zu beauftragen, womit das benötigte Raumprogramm für das geplante Gemeindezentrum integriert werden könne. Das sei vom Kirchengemeinderat aber stets abgelehnt worden. Fünf Anträge hätten sie dazu gestellt. Daher haben die Kirchenbefürworter eine Alternativplanung selbst angestrengt.

Allein verschließen möchten sich die Kirchenbefürworter nicht dem Vorhaben der Kirche, die nach dem Abriss der Johanneskirche an der Stelle ein neues Gemeindezentrum bauen will. Als Partner des Bauvorhabens ist die Bruderhausdiakonie mit einem Wohnheim für behinderte Menschen im Gespräch. Die Initiativen meinen lediglich, dass das Vorhaben auch mit einem Umbau statt Abriss möglich sein müsse. Gute Beispiele dafür gebe es in anderen Kirchengemeinden.

Zweifelhaft sehen die beiden Initiativen die Abstimmung zum Abriss der Johanneskirche. Mit den Stimmen der drei Pfarrer im Kirchengemeinderat sei die Entscheidung zustande gekommen. Dabei hätten sich bei einer von den Initiativen angestrengten Unterschriftenaktion über 1 500 Bürger sich für die Erhaltung der Johanneskirche ausgesprochen.

Die Initiativen führen eine Reihe von weiteren Gründen an, weshalb die Johanneskirche erhalten werden muss. Die Kirche werde in Wendlingen als Denkmal wahrgenommen. Eng verbunden sei sie mit der Firma Otto, die in diesem Jahr ihr 200-jähriges Bestehen feiert. Die Wurzeln der Kirche seien hier zu suchen: als Nachfolgekirche des ehemaligen „Otto“-Kirchleins, der ersten evangelischen Kirche in Unterboihingen. Sie war zu klein geworden angesichts der in die Stadt gekommenen Heimatvertrieben nach dem Zweiten Weltkrieg.

Bei der Diskussion um den Abriss der Kirche habe die Kirchengemeinde schwer gelitten: „Das Gemeindeleben driftet immer weiter auseinander“, beschrieb Edith Hammelehle von Pro Johanneskirche die Situation. Die Leute boykottierten mittlerweile sogar den Gottesdienst. Das könne einer Stadt nicht egal sein, meinte Hans Köhler. Der Gemeinderat sollte sich deshalb des Themas annehmen.

Mit der Unterschriftenaktion zum Bürgerbegehren wollen der Freundeskreis der evangelischen Johanneskirche und die Initiative Pro Johanneskirche sich nun Gehör verschaffen. Sie hoffen, dass eine Mehrheit der Bürger für den Erhalt der Kirche ist. Ab heute werden sie dafür auf dem Wochenmarkt Unterschriften sammeln.

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