Zwischen Neckar und Alb

„Bundesweit einmalig“

Jugendarbeit Auf dem 70. Geburtstag des Kreisjugendrings wird über das „Esslinger Modell“ diskutiert.

Esslingen. 70 Jahre Jugendarbeit unter einem Dach - das muss man feiern, und dazu hatte der Kreisjugendring (KJR) Esslingen am Samstagabend ins Esslinger Komma eingeladen. Der KJR ist Dachorganisation der rund 30 Jugendverbände im Kreis und gleichzeitig Träger der offenen Kinder- und Jugendarbeit.

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Als Träger unterhält er mit 200 Beschäftigten in 27 Kommunen rund 30 Jugendeinrichtungen. Finanziert wird die Arbeit jeweils zur Hälfte vom Landkreis und von den Kommunen, wobei die Kommunen zusätzlich die jeweiligen Sachkosten bezahlen. Dieses „Esslinger Modell“ wurde vor 60 Jahren eingeführt. Dem KJR kommt somit die wichtigste Rolle in der offenen Kinder- und Jugendarbeit im Landkreis zu. Ob diese Strukturen so bleiben, wird auf Kreisebene derzeit mehr oder weniger offen diskutiert. Im KJR befürchtet man mehr Bürokratie und Einflussnahme vonseiten der Kreisverwaltung, war am Rande der Feier zu hören. Was sich genau verändern soll, scheint allerdings unklar, und so spiegelte sich diese Debatte in den Grußworten vor allem unterschwellig wider.

Amerikanern widersetzt

Dieter Pahlke, bis vor vier Wochen langjähriger Vorsitzender des KJR, warf einen Blick zurück: Gegründet wurde der KJR 1948 auf Anweisung der damaligen amerikanischen Militärregierung, die mit dem „Kreisjugendausschuss“ eine Institution für die demokratische Umerziehung der Jugend haben wollte. Pahlke betonte, dass der damalige Landrat Georg Geist sich der Anweisung der Amerikaner widersetzte, die Jugendverbände auf ihre demokratische Legitimierung hin zu untersuchen. In einer Demokratie könne es nicht seine Aufgabe sein, die Jugendverbände zu kontrollieren, soll Geist argumentiert haben. Der neue KJR-Vorsitzende Michael Medla betonte, die errungene Autonomie der Jugendarbeit müsse erhalten werden, auch um politische Einflussnahme zu verhindern und betonte, dass man am „Esslinger Modell“ festhalten wolle. Denn das sei „bundesweit einmalig“.

Als Vertreterin des Landkreises lobte Sozialdezernentin Katharina Kiewel „die kompetente und leidenschaftliche Arbeit“ des KJR, erklärte aber auch, dass sich „die Zukunft verändert und damit auch die Jugendarbeit im Landkreis“. Frank Buß, Bürgermeister von Plochingen, Vorsitzender des neuen Verwaltungsrates des KJR und Kreistagsabgeordneter für die Freien Wähler, bekannte sich ausdrücklich zum „Esslinger Modell“, befand aber, man müsse überlegen, ob es angesichts eines Etats von elf Millionen Euro noch passend sei, den KJR als Verein zu organisieren.

Jenseits der Landkreispolitik bewegte sich der Festvortrag von Ulrich Deinet, Professor für Didaktik und methodisches Handeln an der Hochschule Düsseldorf. Er erläuterte, dass die offene Jugendarbeit in Deutschland jahrzehntelang die Antwort auf die Halbtagsschule gewesen sei. Ganztagsschulen, soziale Medien, Fachkräftemangel und Flüchtlingsarbeit hätten die Anforderungen an die Jugendarbeit verändert.

Auch suchen Jugendliche sich neue Räume wie Shoppingmalls, beschäftigen sich in sozialen Netzwerken und ziehen sich in die Familie zurück (vor der sie früher Ruhe haben wollten). „Die Jugendlichen halten sich nicht mehr da auf, wo sie sozialräumlich hingehören“, so Deinet ironisch. Die Jugendarbeit müsse dynamischer werden. Da zudem der öffentliche Raum zunehmend privatisiert oder verbaut werde, müsse man eben diesen öffentlichen Raum revitalisieren, „um gegen Verhäuslichung und Verinselung wirken zu können“.Gesa von Leesen