Zwischen Neckar und Alb

Das Beste für die Hauptstadt

Archäologie Das Landesamt für Denkmalpflege verleiht bedeutende Funde an die Bundesausstellung im Berliner Martin-­Gropius-Bau. Von Miriam Steinrücken

Die Venus-Figur vom Hohle Fels im Achtal zählt zu den ältesten Kunstwerken der Menschheit. Sie wird ebenfalls in Berlin gezeigt.
Die Venus-Figur vom Hohle Fels im Achtal zählt zu den ältesten Kunstwerken der Menschheit. Sie wird ebenfalls in Berlin gezeigt.Foto: Universität Tübingen/Jensen

Baden-Württemberg ist die Fundstätte bedeutender archäologischer Entdeckungen in neuerer Zeit. Das wurde dem Landesamt für Denkmalpflege, das die alten Schätze birgt, restauriert und erhält, jetzt erneut bestätigt. Rund 200 Exponate verleiht die Behörde an die Ausstellung „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“, die vom 21. September 2018 bis zum 6. Januar 2019 im Berliner Martin-Gropius-Bau stattfindet. Dort werden die wichtigsten archäologischen Neufunde aus ganz Deutschland zusammengetragen, um zu zeigen, wie Mobilität, Austausch, Konflikte und Innovationen die europäische Geschichte von der Altsteinzeit bis heute geprägt haben.

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Als „Leistungsschau der archäologischen Denkmalpflege in Deutschland“ bezeichnet Landesarchäologe Professor Dirk Krausse die Berliner Gemeinschaftsausstellung. Die Exponate werden von 70 Stellen beigesteuert. Beim brüderlichen Muskelspiel der Bundesländer will sich der Wissenschaftler vom Landesamt für Denkmalpflege nicht lumpen lassen. Zu den Highlights, die seine Behörde in die Hauptstadt schickt, zählt der Grabschmuck der Keltenfürstin von der Heuneburg. Goldene Ohrringe, Armreifen aus Ölschiefer, bronzene Fußringe und Bernsteinanhänger reisen mit. Die Grabstätte im heutigen Kreis Sigmaringen ist 2005 beim Umpflügen eines Maisackers entdeckt worden.

2 600 Jahre alte Keltenfürstin

„Das ist einer der bedeutendsten keltischen Funde in Baden-Württemberg seit 35 Jahren“, betont Krausse. Denn neben Heidengraben, der größten befestigten Siedlung Europas im ersten Jahrhundert vor Christus, ist der Fürstensitz Heuneburg die wichtigste Fundstelle der keltischen Zeit in Baden-Württemberg. 2010, als die 80 Tonnen schwere Grabkammer als kompletter Block geborgen wurde, waren die Hölzer so gut erhalten, dass sich das Todesjahr der Keltenfürstin naturwissenschaftlich exakt auf 583 vor Christus datieren ließ. Nicht jünger als 30 Jahre soll sie gewesen sein und nicht älter als 40.

Von Esslingen nach Berlin reisen wird auch der Unlinger Reiter. Die Bronzestatue entstammt einem keltischen Grab, das 2016 beim Straßenbau in Unlingen im Landkreis Biberach entdeckt wurde. Ebenfalls verliehen wird die Venus-Figur aus dem Hohle Fels im Achtal. Dabei handelt es sich um eines der ältesten Kunstwerke der Menschheit, das auch religionsgeschichtlich interessant ist.

Aus Isny im Allgäu stammt ein Ensemble spätmittelalterlicher Trinkgläser. „Sie wurden in einer Latrine entdeckt“, bemerkt Nicole Ebinger-Rist, Leiterin der Restaurierungswerkstatt im Landesamt für Denkmalpflege. Latrinen, vergleichbar heutigen Plumpsklos, habe man damals als Mülldeponie genutzt, um Hausgeräte, Schuhe und Essen zu entsorgen. „Heute sind sie wichtige Fundstellen für Alltagsgegenstände aus vergangenen Epochen“, erklärt Ebinger-Rist.

Mit von der Partie ist auch eine jungsteinzeitliche Wandmalerei aus Ludwigshafen. Der Bilderfries schmückte vor circa 6 000 Jahren ein Pfahlbauhaus am Bodensee. Er zeigt einen Stammbaum, bei dem eine Ahnherrin aus der anderen erwächst. Dass die Wandmalerei bei ihrer Entdeckung so gut erhalten war, verdankt die Denkmalpflege einem Brand, dem der Pfahlbau zum Opfer fiel. „Brände, Vulkanausbrüche und Erdbeben nutzen der Archäologie“, sagt Krausse. „Denn sie versiegeln die historischen Dokumente wie in einer Zeitkapsel.“ Trotzdem mussten die Tonscherben des Reliefs in mühevoller Kleinarbeit wieder zusammengesetzt werden. „Wir haben anderthalb Jahre gepuzzelt“, verrät Chef-Restauratorin Ebinger-Rist. Die Arbeit hat sich gelohnt. Nun werden die baden-württembergischen Exponate in Berlin ausgestellt neben solch namhaften Funden wie der Himmelsscheibe von Nebra und dem Schlachtfeld im Tollensetal.

Transport in Klimaboxen

Damit die baden-württembergischen Originale die Fahrt nach Berlin gut überstehen, werden sie in Klimaboxen verpackt. „Organische Stoffe brauchen eine hohe Luftfeuchtigkeit, Metalle eine niedrige“, erklärt Ebinger-Rist. „Außerdem dürfen die Exponate in ihren Boxen nicht verrutschen.“ Deshalb werden sie mit Bändern und Nadeln fixiert. Zum Schluss werden die Klimaboxen in stoßfesten Metallkisten deponiert, damit die Exponate auch bei einem Autounfall keinen Schaden nehmen. „Seit zwei Wochen sind wir mit Verpacken beschäftigt“, stöhnt Ebinger-Rist.

Sollte den Exponaten trotzdem etwas zustoßen, sind alle Stücke versichert. „Der Wert ist natürlich unmessbar“, wendet Archäologe Krausse ein. Dennoch muss einer festgelegt werden. Ausschlaggebend ist, ob das Stück einzigartig ist oder ob es vergleichbare Funde gibt, wie hoch sein wissenschaftlicher Wert eingeschätzt wird und wie viel Geld und Arbeit bereits in die Restaurierung geflossen sind. Doch nicht nur vor Beschädigung müssen die Exponate geschützt werden, sondern auch vor Diebstahl. Darum verrät das Landesamt nicht das exakte Datum der Berlin-Reise. Nur so viel: Im Laufe der Woche soll der Transport über die Bühne gehen.

Landesarchäologe Dirk Krausse und Chef-Restauratorin Nicole Ebinger-Rist untersuchen Bronze-Geschirr von einem mittelalterlichen
Landesarchäologe Dirk Krausse und Chef-Restauratorin Nicole Ebinger-Rist untersuchen Bronze-Geschirr von einem mittelalterlichen Gräberfeld bei Ludwigsburg.Foto: Andreas Kaier