Zwischen Neckar und Alb

Das Exil ist Heimat geworden

Flüchtling Der chilenische Musiker und Maler, Schauspieler und Poet Sergio Vesely kam vor 40 Jahren in den Kreis Esslingen. An seine Ankunft in Deutschland erinnert er sich noch sehr gut. Von Urike Rapp-Hirrlinger

Das Urteil bewahrt Sergio Vesely bis heute auf. Zuvor saß er zwei Jahre lang als Gegner des Pinochet-­Regimes in Chile im Gefäng
Das Urteil bewahrt Sergio Vesely bis heute auf. Zuvor saß er zwei Jahre lang als Gegner des Pinochet-­Regimes in Chile im Gefängnis.Foto: Rapp-Hirrlinger

Der gebürtige Chilene Sergio Vesely hat nicht nur seit Langem die deutsche Staatsbürgerschaft, sondern ist auch innerlich längst in seiner zweiten Heimat angekommen. Zur Situation der Flüchtlinge heute sieht er Parallelen, aber auch viele Unterschiede.

Zwei Jahre saß Sergio Vesely als Gegner des Pinochet-Regimes in Chile im Gefängnis, bevor ihn Deutschland aufnahm. Das Urteil, das den damaligen Studenten zu fünf Jahren Verbannung verdammte, bewahrt er bis heute auf. In Ketten wurde der 24-Jährige zum Flughafen gebracht. Er verabschiedete sich von seinen Eltern, ohne zu wissen, ob er sie wiedersehen würde. Am 7. November 1976 kam er im Übergangswohnheim in Ostfildern an. „Ich war eigentlich optimistisch“, erzählt er.

Das Heim hat er als komfortabel erlebt: Ein eigenes Zimmer, das er später mit einem Chilenen teilen musste, und eine gemeinsame Küche. Auch damals kümmerten sich Ehrenamtliche um die Neuankömmlinge. Dass der Pfarrer in der Parksiedlung spanisch sprach, habe manches erleichtert. Schon Anfang 1977 fand er durch die Vermittlung einer Exilorganisation eine Wohnung in Stuttgart. Wenig später zog er zu seiner ersten Frau nach Esslingen. Geld für einen Sprachkurs gab es vom Sozialamt. Die deutsche Sprache zu lernen, sei wichtig gewesen: „Ich wollte kommunizieren und rasch unabhängig werden.“ Bereits nach fünf Monaten hatte er seine Anerkennung als Asylant. Zugute kam ihm dabei, dass er einen Pass und Unterlagen über seinen Gefängnisaufenthalt hatte.

„Ich habe die Deutschen als sehr großzügig und offen erlebt“, erzählt Vesely von vielen Spenden. Die Hilfe könne einem aber auch zu viel werden, denn sie sei mit Erwartungen verbunden. „Ich war auch rebellisch, wollte keine Almosen oder als Opfer behandelt werden.“ Deshalb holte er irgendwann die Sozialhilfe einfach nicht ab. Schon im Gefängnis hatte er angefangen, Lieder und Gedichte zu schreiben. „In Deutschland wollte ich meine künstlerische Tätigkeit starten.“ Bereits 1977 hatte er Auftritte in Jugendhäusern und verdiente sich als Musiker das, was er zum Leben brauchte, auch auf der Straße. Dort sprach ihn eine Künstlerin an, die ihm die Tür zum Süddeutschen Rundfunk öffnete.

„Ich sah schnell, wie das Leben in Deutschland funktioniert und habe mich daran orientiert.“ Auch wenn alles geplant sei, erlebte Vesely Deutschland als sozialere Gesellschaft als Chile. Ein bisschen fehlte ihm die Lockerheit. Verblüfft haben ihn die Kleingartenhäuschen, die er für Slums hielt: „Die haben bessere Hütten für ihre Werkzeuge, als viele Menschen in Chile zum Leben, dachte ich mir.“

Feindseligkeit oder Ablehnung habe er nie erlebt: „Ich sehe aber natürlich wie ein Mitteleuropäer aus und komme aus derselben Kultur. Und zudem waren wir eine Minderheit, sonst hätten wir sicher ähnliche Probleme gehabt, wie die Flüchtlinge heute.“ Eine Gefahr sieht der Künstler darin, dass eine Parallelgesellschaft entsteht. Das war auch der Grund, warum er sich von exilchilenischen Organisationen löste.

„Ich habe mich Deutschland in Etappen angenähert“, sagt der heute 63-Jährige, der 1988 die deutsche Staatsbürgerschaft annahm. Seine Vergangenheit trage er in sich, aber eine Rückkehr nach Chile sei für ihn keine Option. Mit seiner zweiten Frau und den Kindern lebt der Sergio Vesely seit 1995 in Denkendorf in einem Häuschen mit Garten. Ein typischer Schwabe sei er trotzdem nicht geworden, auch wenn er sich hier beheimatet fühle: „Ich habe mir im Leben mein eigenes Loch gesucht.“

„Ich konnte wählen, welches Leben ich wollte.“ Den eigenen Weg so konsequent zu gehen, sei in einer Halle voller Flüchtlinge schwerer, meint er mit Blick auf die Geflohenen. Er rät: „Versucht so schnell wie möglich auf eigenen Füßen zu stehen, damit ihr den Staat draußen lassen könnt.“

Info Heute gibt es im Jugendzentrum Focus in Denkendorf um 19.30 Uhr ein Filmkonzert mit Sergio Vesely und dem Film Rey Negro, der seine Spurensuche in seinen früheren Gefängnissen beschreibt. Am 13. November, tritt Vesely bei den Esslinger Galgenstricken auf. Das Konzert beginnt um 18 Uhr. Ab 18. November sind dann künstlerische Arbeiten von ihm im Denkendorfer Rathaus zu sehen.

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