Zwischen Neckar und Alb

Das Leben zurück auf „null“ setzen

Pädagogik Das Projekt „Reset“ in Ostfildern betreut straffällig gewordene Jugendliche. Obwohl die Wirkung positiv ist, steht die Finanzierung auf der Kippe. Von Maria Krell

Die Betreuer Matthias Kälber und Andrea Lenz informieren Justizminister Guido Wolf über das Projekt. Foto: Roberto Bulgrin
Die Betreuer Matthias Kälber und Andrea Lenz informieren Justizminister Guido Wolf über das Projekt. Foto: Roberto Bulgrin

Reset ist Englisch und bedeutet so viel wie „zurücksetzen“, „Neustart“ oder „Wiederherstellung eines Ausgangszustandes“. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich die Kinder- und Jugendförderung Ostfildern genau diesen Namen für ihr Projekt ausgesucht hat: Bei „Reset“, das unter der Trägerschaft des Kreisjugendrings Esslingen ist, werden straffällig gewordene Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 27 Jahren von Betreuern handwerklich und sozialpädagogisch begleitet.

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In der Werkstatt leisten die jungen Menschen Sozialstunden ab. Nebenbei versucht Betreuerin Andrea Lenz, den Jugendlichen in offenen Gesprächen „raus aus der Mühle“ zu helfen, mit ihnen über ihre Probleme zu sprechen und zuzuhören. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Matthias Kälber unterstützt sie in der Werkstatt im Zentrum Zinsholz seit fünf Jahren junge Menschen darin, einen neuen Weg einzuschlagen, sozusagen noch einmal auf Anfang zu stellen. Doch nun muss „Reset“ um seine Zukunft bangen: Die Finanzierung des Programms, das jährlich 80 000 Euro kostet, ist nur noch bis Ende des Jahres gesichert. Dann läuft die Förderung über die Vector-Stiftung, die immerhin 80 Prozent der Finanzierung ausmacht, aus. Derzeit suchen Träger und Einrichtung gemeinsam mit den beiden Bürgervereinen Ostfilderns nach alternativen Förderprogrammen und Finanzierungsmöglichkeiten, damit das Projekt auch in Zukunft bestehen bleiben kann.

„Ich weiß, dass solche Einrichtungen sehr viel Kraft darauf verwenden müssen, sich zu finanzieren“, sagte der baden-württembergische Justizminister Guido Wolf (CDU) bei einem Werkstatt-Rundgang. Er sei zwar von dem Projekt überzeugt, versprechen könne er aber nichts. Die kommunalen Partner sieht Wolf ebenfalls in der Pflicht. Die hielten sich jedoch mit konkreten Finanzierungszusagen noch bedeckt.

Wie wichtig die Arbeit von „Reset“ ist, zeigt sich an Alice. Die junge Frau, die eigentlich anders heißt, hat in ihrer Vergangenheit Fehler gemacht, die ihrem Leben schnell eine andere Wendung hätten geben können. Dank der Arbeit von Lenz und Kälber hat sie eine zweite Chance bekommen, sozusagen ihren Neustart erhalten.

„Am Anfang wollte ich mich überhaupt nicht öffnen“, erzählt Alice. Die junge Frau hat vor zwei Jahren wiederholt gestohlen, ist irgendwo eingebrochen, hat andere Menschen verletzt. „Man entdeckt hier Seiten an sich, die man vorher gar nicht kannte“, sagt sie weiter.

Mittlerweile hat Alice eine eigene Wohnung, arbeitet als Altenpflegerin und überlegt, zu studieren. „Ich vertraue niemandem so sehr wie Andrea und Matze. Ich kann mit ihnen immer über meine Probleme reden.“ Obwohl Alice ihre Sozialstunden schon abgeleistet hat, kommt sie meist noch einmal wöchentlich ins Zinsholz. Wann immer etwas ansteht, sie Hilfe bei Bewerbungen braucht oder Probleme hat, findet sie hier Hilfe. „Mit der Zeit baut sich großes Vertrauen auf. Die Jugendlichen öffnen sich und können die Strafe als Chance nutzen“, erzählt Kälber. Seine Kollegin Lenz ergänzt: „Das Schlimmste ist, wenn die Jugendlichen sagen: Mir hört ja sowieso keiner zu. Mit der Zeit, in der das Vertrauen in uns wächst, baut sich auch eine engere Beziehung auf. Man merkt, dass die Jugendlichen auf dem richtigen Weg sind. Die Gespräche werden oft persönlicher.“

Auch aus Kostengründen sei das Projekt sinnvoll: „Wenn nur zwei später nicht in Haft gehen, lohnt sich das Projekt schon“, erzählt Nico Niese, Jugendrichter beim Amtsgericht Esslingen. Ein Haftplatz kostet etwa 50 000 Euro pro Jahr - mehr als die Hälfte der Gesamtkosten für „Reset“. Niese hat in den letzten viereinhalb Jahren 130 von 176 Jugendlichen an „Reset“ vermittelt. „Der destruktiven Energie wird etwas Positives entgegengesetzt“, fasst er zusammen. Bleibt zu hoffen, dass das auch im nächsten Jahr geschieht.

Das Projekt „Reset“

Die Idee: Die gemeinnützigen Sozialstunden werden intensiv sozialpädagogisch betreut. Es geht dabei um eine Weiterentwicklung der Persönlichkeit. Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit der Jugendgerichtshilfe, der Polizei, der Justiz sowie den Einrichtungen der Kinder- und Jugendförderung durchgeführt.

Die Zielgruppe: straffällig gewordene und gewaltbereite Jugendliche und junge Erwachsene von 14 bis 27 Jahren, die gemeinnützige Sozialstunden ableisten müssen.

Der Zugang: Die Betroffenen werden durch die Jugendgerichtshilfe, den Täter-Opfer-Ausgleich, die Bewährungshilfe oder das Jugendgericht zugewiesen.

Pädagogische Arbeit: Die sozialpädagogische Begleitung zielt ab auf die Auseinandersetzung mit dem eigenen Verhalten, Bewusstmachung und Weiterentwicklung von eigenen Stärken, Entwicklung von Handlungsalternativen, Gestaltung persönlicher und beruflicher Perspektiven sowie Beratungsermittlung.

Gemeinnützige Arbeit: Bei den Arbeitseinsätzen sollen die jungen Menschen einen persönlichen Mehrwert ihrer Arbeit erkennen.mk

1 Infos gibt es unter www.reset-ostfildern.de