Zwischen Neckar und Alb

Das nackte Grauen

Natur Schnecken sind besser als ihr Ruf. Die meisten von ihnen sind wertvolle Nützlinge, die unter ihren Artgenossen sogar Jagd auf lästige Salaträuber machen. Von Daniela Haußmann

Früher auf dem Speiseplan als lukullische Köstlichkeit, heute unter Naturschutz: die Weinbergschnecke.Foto: Dieter Ruoff
Früher auf dem Speiseplan als lukullische Köstlichkeit, heute unter Naturschutz: die Weinbergschnecke.Foto: Dieter Ruoff

Von Schopfloch bis Kirchheim wachsen vielen Hobbygärtnern schon jetzt wieder graue Haare. Mühevoll ziehen sie ihre Salatpflänzchen groß, doch kaum ins Freie gesetzt, macht sich auch schon der Schrecken aller Nutz- und Zierpflanzenliebhaber an jedem grünen Blatt zu schaffen - zumindest gefühlt. Schnecken sind gewiss nicht jedermanns Sache. Trotzdem sind die kleinen Schleimer weit davon entfernt, die Plage zu sein, für die sie oft gehalten werden. Lediglich die Spanische und die Rote Wegschnecke, aber auch die Acker- und Gartenwegschnecke, richten wirklich Schaden an, weiß Ulrike Walter vom Naturschutzzentrum Schopflocher Alb (NAZ).

Wegen vier schwarzen Schafen gleich alle 166 Landschneckenarten, die in Baden-Württemberg leben, mit der Chemiekeule zu behandeln, schießt dann doch übers Ziel hinaus. „Zumal die Maßnahmen meist nicht nur Schnecken treffen, sondern alle Arten, die sich von den Weichtieren ernähren“, so die Biologin, beispielsweise Vögel und deren Nachwuchs. Mit ihrer Unterseite, dem sogenannten Fuß, nehmen Schnecken vom Boden Kalk auf, den sie zur Aufrechterhaltung von Körperfunktionen brauchen. Diese kalkhaltige Nahrung brauchen Vögel, um Eierschalen zu bilden, während ihre Jungen zur Knochenbildung auf das Mineral angewiesen sind. Die großflächige Bekämpfung von Schnecken wirkt sich für Ulrike Walter damit auch auf viele andere Lebewesen in der Nahrungskette aus. So groß der Ärger über die gefräßigen Gäste auch sein mag, die beste Abwehrstrategie ist für die Expertin die Förderung natürlicher Feinde.

Wer Unterschlupfe für Igel, Kröten, Spitzmäuse und Blindschleichen schafft oder mit Stein- und Totholzhaufen Wohnraum für Wolfsspinne, Weberknecht oder Raubkäfer zur Verfügung stellt, kann aus Sicht von Walter die Schädlinge unter den Schnecken bestens in Schach halten. Die meisten sind ohnehin Nützlinge, die im Ökosystem eine wichtige Aufgabe erfüllen. Ob Algen, Flechten, Pilze, Aas oder Kot - all das bauen die Allesfresser zu wertvollem Humus ab. Dass Schnecken verkannt sind, zeigt für Ulrike Walter der Tigerschnegel. Im auffälligen Raubkatzen-Look macht er auf alle Salaträuber Jagd. Ihm zusammen mit anderen Schnecken den Garaus zu machen ist für die Biologin daher kontraproduktiv.

Dass Nacktschnecken, allen voran die Spanische Wegschnecke, auch rings um die Teck auf dem Vormarsch sind, zeigt, dass das natürliche Gleichgewicht gestört ist. Schneckenkorn und völlig unspezifisch wirkende Bierfallen, die zudem die Schnecken aus Nachbars Garten in Scharen anlocken, sind also kaum sinnvoll, bilanziert Ulrike Walter. Weinbergschnecken hingegen, die unter Naturschutz stehen, sind fördernswerte Gegenspieler, die Nacktschneckengelege verzehren. „Lange war sie auch hier in der Gegend ein beliebtes Nahrungsmittel. Das brachte ihr die Bezeichnung Schwäbische Auster ein. Sie kam vor allem in der Fastenzeit auf den Tisch“, so die Biologin. „Nach 1950 wurde ein striktes Sammelverbot erlassen.“

Bei Schnecken gibt es noch viel zu erforschen, viele sind extrem klein und Forscher gehen davon aus, dass ein Großteil noch gar nicht entdeckt ist. Die Zahl der weltweit vorkommenden Arten wird daher bis auf 100 000 geschätzt. Eine davon ist die Randecker Maar Brunnenschnecke. „Die gibt es nur hier und sonst nirgends“, erzählt Ulrike Walter. Also ein echtes Unikat, nur wenige Millimeter groß und in Quellhöhlen lebend.

Eine weitere Besonderheit der Schnecken - die Fortbewegung auf einer Schleimspur, die wohl unökonomischste Methode, um sich fortzubewegen. Der Schleim muss fortlaufend neu produziert werden, bietet aber den Vorteil, dass Schnecken damit sogar glatte Flächen emporsteigen können. Eine weiterer Vorteil: „Er schmeckt bitter und schreckt damit Fressfeinde ab“, so Ulrike Walter. In Schnecken steckt eben mehr als gedacht.

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