Zwischen Neckar und Alb

Das Reservat trägt Früchte

Naturschutz Zehn Jahre nach der Anerkennung durch die Unesco hat sich im Biosphärengebiet Schwäbische Alb ein großes Netzwerk gebildet. Von Anke Kirsammer

Zwei Viertklässlerinnen der Unterlenninger Lindenschule (Bild oben) führen im „Müllmeer“ vor Augen, wie lange es dauert, bis Ver
Zwei Viertklässlerinnen der Unterlenninger Lindenschule führen im „Müllmeer“ vor Augen, wie lange es dauert, bis Verpackungen und anderer Abfall verrottet. Foto: Markus Brändli

Eine angehende Biosphärenschule, das traditionsreiche Handwerk des Kugelmüllers, ein schwäbisches Caféhaus und eine neue Regionalmarke - all das und noch viel mehr versammelt sich unter dem Dach des Biosphärengebiets Schwäbische Alb. Vor zehn Jahren verlieh die Unesco dem Reservat die Auszeichnung. Den runden Geburtstag nahmen die Geschäftsstelle und das Landratsamt Esslingen zum Anlass, Pressevertreter auf einen Streifzug zu Eckpfeilern des Gebiets im Kreis Esslingen einzuladen. Die Tour ging von Neuffen über Lenningen nach Neidlingen, immer an der „blauen Mauer“ entlang. Der Steilabfall der Alb mit seinen Hangbuchenwäldern war für die Unesco damals ein Hauptkriterium, das Gütesiegel überhaupt zu verleihen.

Wie sich Kinder intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen, zeigt sich an der Lindenschule in Unterlenningen. Sie ist eine von sieben Pilotschulen, die eine Zertifizierung als Biosphärenschule anstreben. „Die Schüler sollen die Natur vor der eigenen Tür entdecken“, so Petra Dippold, Referentin für Bildung für nachhaltige Entwicklung. Dazu gehört, sich mit lokal erzeugten Lebensmitteln zu beschäftigen und ökologische Themen im Schulalltag zu verankern. „Wir lernen, wie Mensch und Natur heute und in der Zukunft gut miteinander klarkommen“, so umschreibt Rektorin Melanie Amann, was das Wesen der Lindenschule ausmacht. „Vom Acker auf den Teller“, „auf der Streuobstwiese unterwegs“ und „vom Korn zum Brot“, heißen die Module, mit denen sich Schüler und Lehrer mit externen Partnern befassen. Was das konkret bedeutet, zeigten Kinder auf unterschiedliche Art: Sie erklärten, wie sie Kartoffeln gesteckt hatten, die Pflanzen von Unkraut und Käfern befreit und die Knollenfrüchte schließlich geerntet hatten. Andere Klassen hatten sich für Blüten und Insekten interessiert und sogar einen Kirschbaum beziehungsweise Sträucher gepflanzt. Die Gäste bekamen auch einen Einblick in die Projektwoche zum Thema „Müll“. Gemeinsam mit den Viertklässlerinnen Ana und Sinja verfolgten sie quer durchs Schulhaus einen in die „Lauter“ geworfenen Becher, der von dort in den Neckar, anschließend in den Rhein und schließlich in die Nordsee gelangt.

Kugelmühle Neidlingen, Stefan Metzler
Stefan Metzler, Gründer und Betreiber der Neidlinger Kugelmühle, kann spätestens nach einem Tag die fertigen Kugeln aus der Mühle holen. Die Attraktion gehört zu den Erlebniszentren des Biosphärengebiets Schwäbische Alb. Foto: Natalie Becker

In einem ganz anderen Zusammenhang spielt Wasser in der Kugelmühle in Neidlingen eine Rolle: Dank der Wasserkraft stellt der Betreiber Stefan Metzler mit seinem Team Kugeln aus Jura-Marmor und Muschelkalk her. Die letzte in Deutschland noch existierende Kugelmühle war nicht nur der erste Geopoint im Geopark Schwäbische Alb, sondern ist - wie das Freilichtmuseum Beuren oder das Naturschutzzentrum Schopflocher Alb - auch eines der Erlebniszentren im Biosphärengebiet. Seit Mai informieren große Banner über die Funktionsweise der Kugelmühle, das Gebäude ist darüber hinaus mit einem modernen Bildschirm ausgestattet. Stefan Metzler freut sich: „Es ist toll, zum Kreis der Biosphärenpartner zu gehören.“ Die Angebote müssten weiter vernetzt werden. Nur sein eigenes Süppchen zu kochen, sei nicht mehr zeitgemäß. So können Gruppen beispielsweise erst eine Führung in der Kugelmühle buchen und sich anschließend in der „Alten Kass“ stärken.

Das Caféhaus ist eines von 110 Projekten im Landkreis Esslingen, an die aus dem Förderprogramm des Biosphärengebiets Geld geflossen ist. Um Marketingmaterialien zu erstellen, bekam das Ehepaar Hepperle vor sieben Jahren 1600 Euro. Im Gegenzug bieten die Betreiber des Cafés Produkte aus dem Biosphärengebiet an und weisen auf Veranstaltungen hin.

Neben der Hotellerie, Gastronomie, Infozentren und verarbeitenden Betrieben gehören zum Gesicht des Biosphärengebiets auch Natur- und Landschaftsführer, Begrüßungstafeln und eine einheitliche Beschilderung von Wanderparkplätzen. „Das Biosphärengebiet besteht nicht nur aus Paragraphen. Es kann auf verschiedene Art und Weise mit Leben gefüllt werden“, hebt die Erste Landesbeamtin, Dr. Marion Leuze-Mohr, hervor. Ein neuer Mosaikstein ist die Regionalmarke „Albgemacht“. Darin haben sich Produzenten und Erzeuger zusammengeschlossen, die sich Kriterien wie regionale Herkunft, biologische Vielfalt, Tierwohl und natürliche Verarbeitung auf die Fahnen schreiben. „Es läuft wahnsinnig viel“, betont der Leiter der Geschäftsstelle des Biosphärengebiets, Achim Nagel. Erklärtes Ziel ist, das Label Schritt für Schritt auszubauen.

109 Partner verpflichten sich, Qualitätsstandards einzuhalten

Das Biosphärengebiet Schwäbische Alb umfasst gut 85 000 Hektar. Es erstreckt sich von Weilheim im Norden bis Zwiefalten im Süden und reicht von Pfullingen bis Schelklingen. Dazu gehören 29 Städte und Gemeinden in den Landkreisen Esslingen, Reutlingen und Alb-Donau. Es besteht seit 2008 und wurde ein Jahr später von der Unesco anerkannt.

Die Lindenschule Unterlenningen gehört zu den sieben Pilotschulen im Biosphärengebiet, die die Zertifizierung als Biosphärenschule anstreben. Vier weitere dieser Schulen liegen im Landkreis Reutlingen, zwei im Alb-Donau-Kreis. Speziell an Kinder richtet sich auch das Junior-Ranger-Programm. Daran nehmen jährlich rund 3500 Kinder teil.

Seit 2008 gab es im Biosphärengebiet insgesamt 283 geförderte Projekte mit einer Gesamtinvestition von rund fünf Millionen Euro. Die Fördersumme lag bei 2,77 Millionen Euro. Derzeit gibt es 109 Partner, die sich verpflichten, Qualitätsstandards im Bereich Umwelt- und Naturschutz, Service und Regionalität einzuhalten. Innerhalb der Großschutzgebiete liegt das Biosphärengebiet Schwäbische Alb damit auf Platz zwei. 135 Tourismusbetriebe, davon 34 Natur- und Landschaftsführer, besitzen 261 Qualitätszertifizierungen aus verschiedenen Bereichen wie beispielsweise „Schmeck den Süden“, „Wanderbares Deutschland“ oder „Ökotex“.

Neben dem Biosphärenzentrum Schwäbische Alb in Auingen gibt es 18 weitere Erlebnis- und Informationszentren. Deutlich gestiegen sind die Übernachtungszahlen im Bereich des Biosphärengebiets: 2004 gab es rund 848 000 Übernachtungen, im vergangenen Jahr waren es gut 1,1 Millionen. 2017 hat das Biosphärengebiet den Bundeswettbewerb „nachhaltige Tourismusdestinationen“ des Deutschen Tourismusverbandes gewonnen. Zum nachhaltigen Tourismus gehören die Optimierung des Wanderwegenetzes, der Ausbau von (Themen)-Radwegen, Begrüßungsschilder und 192 Wanderparkplatzschilder zur Besucherlenkung und -information.

In den „Kernzonen“, in denen die Natur sich selbst überlassen wird, entsteht auf 2650 Hektar der „Urwald von morgen“. ank

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