Zwischen Neckar und Alb

Das Tabu gebrochen, weil doch sein kann, was nicht darf

Opferhilfe Der Verein Wildwasser in Esslingen kämpft seit 25 Jahren gegen sexualisierte Gewalt.

Esslingen. Martina Huck hat in alten Ordnern und Unterlagen geblättert. Der Verein Wildwasser, dessen Geschäftsführerin sie ist, feiert sein 25-jähriges Jubiläum – und da ist der Blick zurück natürlich Programm. „Heute ist es fast unvorstellbar, was die Gründerinnen des Vereins alles ehrenamtlich geleistet haben“, sagt Huck.

Mit Infoständen und Diskussionsabenden zum Thema „sexueller Missbrauch“ hatte sich der frisch gegründete Verein in Esslingen bekannt gemacht. Ein Dach über dem Kopf bot zunächst das Jugend- und Kulturzentrum Komma. „Das war aber ein Durchgangszimmer zwischen Küche und Motorradwerkstatt“, hat Martina Huck im Gespräch mit den Vereinsgründerinnen erfahren. In den Anfangsjahren galt es nicht nur, die persönliche und telefonische Beratung zu organisieren, eine Selbsthilfegruppe für Frauen, die in ihrer Kindheit missbraucht worden waren, zu betreuen und ein Präventionsprojekt in Kindergärten und Schulen zu starten. Vor allem musste die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert werden. „Sexualisierte Gewalt gegen Mädchen und Frauen war damals ein absolutes Tabu“, erklärt Isabelle Schall, die sich ums Spendensammeln und die Öffentlichkeitsarbeit kümmert. Das wird auch in der Aussage eines Stadtrats deutlich, die Martina Huck in einem alten Zeitungsbericht entdeckt hat. „Er hat gesagt, dass es so etwas doch in Esslingen nicht gibt. Und er war wirklich davon überzeugt.“

Dass diese Aussage mit der Realität wenig zu tun hatte, zeigt die Statistik des Vereins aus dem Jahr 1994: 104 Frauen hatten persönlich bei den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen des Vereins Hilfe gesucht, 260 hatten die Telefonberatung in Anspruch genommen. Da die Arbeit ehrenamtlich nicht mehr zu stemmen war, beantragte Wildwasser bei Stadt und Kreis Zuschüsse. Nachdem der Esslinger Frauenrat der Forderung durch eine Petition Nachdruck verliehen hatte, bewilligte die Stadt Esslingen einen Mietkostenzuschuss für Räume in der Obertorstraße.

„Der Landkreis kam damals allerdings nicht so richtig in die Pötte“, erzählt Martina Huck. Zur Jahrtausendwende wurde der Traum dann aber doch noch wahr: Der Kreis bewilligt eine 50-Prozent-Stelle für eine Psychologin und Wildwasser wird zur „Fachberatungsstelle bei sexualisierter Gewalt“, die seit 2003 ihren Sitz in der Merkelstraße 16 hat. Seit sechs Jahren finanziert der Landkreis eine weitere 50-Prozent-Kraft für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. „Als Anlaufstelle für Mädchen, Jungen und Frauen, die sexualisierte Gewalt erleben mussten, sind wir inzwischen anerkannter Träger der freien Jugendhilfe“, erklärt Martina Huck.

Das Bangen um die finanzielle Existenz bestimmt dennoch weiterhin die tägliche Arbeit – sowohl der Haupt- als auch der Ehrenamtlichen bei Wildwasser. „Ohne Spenden können wir nicht überleben“, macht Isabelle Schall klar. Was passiert, wenn die Spendengelder einbrechen, erlebte Wildwasser vor sechs Jahren. „Da standen wir kurz vor der Insolvenz.“ Dass der Verein inzwischen wieder in ruhigerem Fahrwasser angelangt ist, „verdanken wir neben dem Engagement unserer Ehrenamtlichen den privaten Spendern“. So seien nicht nur alteingesessene Esslinger dem Verein wohlgesonnen. „Auch lokale Stiftungen und viele kleinere Firmen fühlen sich uns sehr verbunden.“

Neben den öffentlichen Zuschüssen von fast 100 000 Euro, steuerte der Verein im vergangenen Jahr rund 71 000 Euro Eigenmittel bei. „Um unsere jetzige Leistungskraft zu erhalten, müssten wir jährlich rund 90 000 Euro aufbringen, was aber nicht machbar ist“, erklärt Huck. So ist sie froh, dass sich Baltmannsweiler, Aichwald, Ostfildern und Esslingen an der Finanzierung von Angeboten beteiligen, die nicht zur Pflichtaufgabe des Landkreises gehören. Zum Geburtstag des Vereins wünscht sich die Geschäftsführerin nicht nur, dass weitere Gemeinden diesem Beispiel folgen. „Im Landkreis gibt es bis heute keine Stelle, an die sich Frauen bei aktueller Gewalterfahrung wenden können“, verdeutlicht Martina Huck. „Wir brauchen einen Frauen-Notruf.“Dagmar Weinberg

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