Zwischen Neckar und Alb

„Das Tierwohl ist unter aller Sau“

Schlachtung Die Schweinehaltung steckt tief in einer Krise: Eine Tagung zeigt die mangelhafte Umsetzung des Tierschutzgesetzes.

Symbolbild

Kreis. Mit dem Tierschutz ist es in Deutschland bestens bestellt. Zumindest in der Theorie. Doch mitunter bei der Schweinehaltung klaffen Tierschutzgesetz und Praxis weit auseinander - dies zeigte eine Tagung an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt (HfWU) in Nürtingen. Das Nürtinger Team der Jungen Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), ein Zusammenschluss von Studierenden an der HfWU, informierte dabei zum Thema „Eingriffe an Nutztieren - wie lässt sich das Tierschutzgesetz integrieren?“.

„Vieles in der Nutztierhaltung wird routinemäßig gemacht, obwohl es vom Tierschutzgesetz nicht gedeckt ist“, stellte Dr. Julia Stubenbord klar. Die baden-württembergische Landesbeauftragte für Tierschutz verwies auf den in das Grundgesetz als Staatsziel aufgenommenen Tierschutz. Demnach hat der Tierschutz den gleichen Rang wie die Grundrechte der Menschen. Niemand darf einem Tier ohne Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, so die Formulierung im Tierschutzgesetz.

Politik trägt Mitschuld

„Das steht aber im krassen Gegensatz zur Praxis“, so Stubenbord. Ein Fünftel aller Schweine, fast 14 Millionen, verendeten jährlich vor der Schlachtung. Detailliert ging die Tierärztin auf die rechtlichen Grundlagen und das Schmerzempfinden der Tiere bei der Ferkelkastration ein. Jährlich werden in Deutschland rund 20 Millionen Jungtiere ohne Betäubung kastriert. Diese Praxis stehe dem im Tierschutzgesetz festgehaltenen Amputationsverbot und der Betäubungspflicht entgegen.

Eine neue Übergangsregelung erlaubt inzwischen für weitere zwei Jahre die betäubungslose Kastration. Ohne die Kastration entwickelt ein Teil der Tiere den „Ebergeruch“. Ihr Fleisch gilt dann als unverkäuflich. Die Fristverlängerung hält Stubenbord für verfassungswidrig. Höhere Kosten für die Landwirte sind nach Einschätzung der Expertin juristisch nicht relevant.

Der Agrarbiologe Rudolf Wiedmann stellt mit Blick auf die Schweinehaltung fest: „Das Tierwohl ist unter aller Sau.“ Zu lange hätten Berufs- und Interessensverbände, der Lebensmitteleinzelhandel und auch die Wissenschaft dem Tierwohl zu wenig Bedeutung zugemessen. Aber auch die Politik trage an der aktuellen Misere eine Mitschuld. pm

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