Zwischen Neckar und Alb

Dem Original auf der Spur

Reise Zwei Männer, die auf dem Jakobsweg gepilgert sind, arbeiten am Aufbau des „Jerusalemwegs“. Das Friedens- und Kulturprojekt führt durch 15 Länder. Esslingen liegt auf einer Etappe. Von Peter Dietrich

Symposiumsteilnehmer machen sich auf den Weg zum Kloster Adelberg - die erste Etappe Richtung Jerusalem.Foto: Peter Dietrich
Symposiumsteilnehmer machen sich auf den Weg zum Kloster Adelberg - die erste Etappe Richtung Jerusalem. Foto: Peter Dietrich

Beim Rückweg von Santiago de Compostela fasste Johannes Aschauer, Polizist aus der Nähe von Linz, den Entschluss: Er wollte weiterpilgern bis nach Jerusalem. Er kam dort tatsächlich an. Das tat auch Johann Graßer aus Bayern, ebenfalls bei der Polizei und nebenberuflich Diakon. Nun arbeiten beide am Aufbau des „Jerusalemwegs“ durch 15 Länder, als interreligiöses Friedens- und Kulturprojekt.

Mit der Zeit soll der Jerusalemweg eine Infrastruktur wie der Jakobsweg erhalten, mit regionalen Ansprechpartnern, Markierungen, ehrenamtlichen Wegpatenschaften und Unterkünften. In Finisterre westlich von Santiago de Compostela beginnend, nutzt er in weiten Teilen die Strukturen des Jakobswegs - nur eben in die andere Richtung. Wie der Jakobsweg soll der Jerusalemweg Routen bekommen, die zu ihm führen, alle mit klarer Ausrichtung: Nie soll eine Tagesetappe in die falsche Himmelsrichtung gehen. Zwei deutsche Zubringer treffen sich in Donauwörth, einer führt auch durch Esslingen. Der deutsche Verein ist derzeit im Aufbau, Repräsentant ist Dr. Emanuel Gebauer von der Katholischen Erwachsenenbildung (KEB). Er brachte rund 50 Interessenten zu einem dreitägigen Pilgersymposium in Esslingen zusammen. Ein Teil der Teilnehmer machte sich anschließend auf den Weg in Richtung Jerusalem - auf der ersten Etappe des Zubringerwegs bis zum Kloster Adelberg.

Soll der Jerusalemweg ein „Jakobsweg 2.0“ werden? Im Grunde genommen ist er das Original, denn der Jakobsweg ist eine spätmittelalterliche Umleitung. Sie entstand, als Jerusalem für die Pilger aufgrund der politischen und religiösen Umstände nicht erreichbar war. „Die erste Pilgerreise von Bordeaux nach Jerusalem ist im Jahr 333 belegt“, sagt Gebauer. Für Pilger gebe es in Jerusalem verschiedene Ziele: „Der christliche Pilger zieht traditionell zur Grabeskirche, der Muslim zum Tempelberg, der Jude zur Klagemauer.“ Gebauer ist überzeugt, dass Pilgern zutiefst menschlich ist: „Abstand gewinnen, das Leben reflektieren, eine Auszeit nehmen.“ Er begann auf dem Jakobsweg als Reiseveranstalter und kam in Etappen bis Frankreich. Nun pilgert er mit dem Rad etappenweise in Richtung Jerusalem: „Bei einem Sabbatjahr würde ich der KEB fehlen, bis zur Rente will ich nicht warten. Dieses Jahr will ich von Linz bis Belgrad radeln.“ Das Pilgern sei keine Altersfrage: Paul Silberbaur radelte mit über 70 in drei Etappen von Ulm nach Jerusalem.

Zu dem Symposium waren Leute aus Deutschland, Österreich und Polen nach Esslingen gekommen. Die Teilnehmer waren begeistert. Sie wollen als Netzwerk zusammenbleiben. Beim Gottesdienst im Münster St. Paul berichtete Johannes Aschauer, wie er den Pilgerweg ins Leben rief. „Kann man denn nach Jerusalem gehen?“, habe er sich gefragt und das 2010, kurz vor dem Syrienkrieg, getestet. Am 24. Juni war er mit zwei Freunden zu Fuß in Österreich gestartet und am 26. Dezember in Jerusalem eingelaufen. Daraus entstanden ein Buch und ein Film. Aschauer ermutigte die Besucher, in Esslingen zu starten: „Wenn ihr viel Zeit habt, seid ihr in sieben Monaten in Jerusalem.“

Vor dem Münster St. Paul brachte Aschauer am Pfosten eines Verkehrszeichens den ersten kleinen Aufkleber mit Pfeilen an, direkt neben der dortigen Jakobsmuschel, deren sich treffende Strahlen in die andere Richtung nach Santiago zeigen. So steht der Pilger vor der Wahl: Er kann weiterhin die gut etablierte Umleitung gehen. Oder er kann zu dem Schluss kommen, zu dem Gebauer einst mit einer Gruppe auf dem Jakobsweg kam: „Wir laufen in die falsche Richtung.“ Jetzt gibt es für ihn nur noch eine, und zwar „vom Ende der Welt durch das Herz Europas zum Anfang“.

1 Weitere Förderer des Jerusalemwegs sind willkommen, Kontakt knüpfen kann man unter der Telefonnummer 07 11/38 21 74 und per E-Mail an die Adresse info@keb-esslingen.de

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