Zwischen Neckar und Alb

Der Druck auf die Kliniken wächst

Corona Rund 60 Covid-Erkrankte werden im Landkreis Esslingen zurzeit stationär behandelt. Täglich kommen neue dazu. Das Kirchheimer Krankenhaus hat planbare Eingriffe bereits zurückgefahren. Von Bianca Lütz-Holoch

Planbare OPs zurückfahren
Planbare Operationen hat das Kirchheimer Krankenhaus zurückgefahren. Symbolfoto: Britt Moulien

Ob in Kirchheim, Nürtingen, Ruit oder Esslingen - die Entwicklung ist überall die gleiche: „Die Zahl der Corona-Patienten, die stationär behandelt werden müssen, geht deutlich nach oben“, melden Iris Weichsel, Sprecherin der Medius-Kliniken des Landkreises Esslingen, und Anja Dietze, Sprecherin des Klinikums Esslingen, unisono. Auch die Filderklinik in Filderstadt hat mehrere Covid-Erkrankte aufgenommen. Insgesamt wurden in den Krankenhäusern im Landkreis Esslingen gestern rund 60 Corona-Patienten stationär behandelt, 17 davon lagen auf der Intensiv-Station, zehn mussten beatmet werden. Fest steht: Der Druck auf die Kliniken wächst.

„In Kirchheim haben wir planbare Eingriffe bereits zurückgefahren“, sagt Iris Weichsel. Gleiches droht in Ruit und Nürtingen. Dazu kommt, dass die Zahl schwerer Corona-Fälle, die stationär behandelt werden müssen, immer noch steigt. Der Höhepunkt, so fürchtet Iris Weichsel, ist längst nicht erreicht. „Die Patienten landen ja erst mit Verzögerung in den Kliniken.“

„Es wird langsam eng“, beschreibt Anja Dietze die Lage im Esslinger Klinikum. Im Moment sind planbare OPs noch drin. Wie lange das so bleibt, kann sie nicht sagen. „Wir wären deshalb schon sehr dankbar, wenn die Bevölkerung sich an die Maßnahmen und Einschränkungen halten würde - sie sind schlichtweg notwendig“, betont sie und fügt hinzu: „Corona ist eben keine Grippe.“ Die Verläufe seien ganz anders, die Behandlung wesentlich komplexer und ein wirksames Medikament fehle.

Nach wie vor landen im Landkreis vor allem ältere Menschen mit Corona-Infektionen in den Kliniken - aber nicht nur. „Es kommen auch jüngere mit schweren Verläufen“, sagt Iris Weichsel. In Ruit etwa liege derzeit ein Patient mit Anfang 40.

Noch genügend Kapazitäten vermeldet die Filderklinik in Filderstadt. „Wir sind absolut handlungsfähig und können unseren Regelbetrieb fortsetzen“, sagt Marleen Job, Pressesprecherin der Filderklinik.

Am Limit sind auch die anderen Kliniken im Landkreis noch nicht angelangt. Für den Ernstfall gibt es zudem überall Notreserven. „Im Moment haben wir an den drei Standorten der Medius-Kliniken 38 Beatmungsplätze, im Worst Case können wir weitere 39 schaffen“, sagt Iris Weichsel. Am Klinikum in Esslingen sind 21 Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeiten das Maximum. „Dann müssen wir aber wirklich alles an Betten und vor allem Personal zusammenkratzen, was wir haben“, sagt Anja Dietze.

Das wiederum wäre fatal für das übrige Gesundheitssystem. Was in Kirchheim schon begonnen hat, nämlich dass beispielsweise geplante Operationen und Krankenhausaufenthalte verschoben werden müssen, um Corona-Patienten behandeln zu können, birgt große Gefahren: „Auch Schlaganfall-, Herz- oder Krebspatienten sollen ja nicht auf der Strecke bleiben“, betont Iris Weichsel. Ziel der Kliniken sei es, auch in der Pandemie eine ganzheitliche Gesundheitsversorgung garantieren zu können. Ärgerlich findet es Anja Dietze, dass bei der Belegung der Intensivbetten immer wieder verharmlosende Vergleiche zu den Vorjahren gezogen werden. „Eine Intensivstation ist immer voll, sie liegt ja nicht brach“, sagt sie. „Aber wenn sie komplett mit Corona-Patienten belegt ist, können andere Menschen die Betten nicht haben.“

Eine Prognose, wie gut sie durch die zweite Welle kommen, wagen die Kliniken nicht. „Wir versuchen, uns den aktuellen Entwicklungen anzupassen“, so Weichsel. Noch sind die Zahlen des Frühjahrs, als allein an den drei Standorten der Medius-Kliniken 90 Corona-Patienten behandelt wurden, noch nicht erreicht. „In der ersten Welle haben wir aber gelernt, wie schnell die Situation umschlagen kann“, erinnert sie sich an Ende März zurück, als die Kapazitäten auf dem Nürtinger Säer zur Neige gingen und mehrere Corona-Patienten ausgeflogen werden mussten. „Wir sind vorsichtig geworden“, sagt sie.

Zum Schutz der Patienten und des Personals haben die Medius-Kliniken und das Klinikum Esslingen wieder Besuchsverbote eingeführt. Ausnahmen gibt es nur etwa bei Geburten oder Sterbenden.

Corona und Belegung
Planbare Operationen hat das Kirchheimer Krankenhaus zurückgefahren. Symbolfoto: Medius-Kliniken

Im Extremfall gibt es 114 Beatmungsplätze im Kreis

In den Medius-Kliniken werden - Stand gestern - in Kirchheim 18 Corona-Patienten behandelt, drei davon auf der Intensivstation, zwei mit Beatmung. Die Psychiatrie meldet drei weitere Fälle. In Nürtingen liegen sieben Covid-Patienten, drei davon werden beatmet. In Ruit gibt es sechs Corona-Patienten, vier davon auf der Intensivstation. Die Medius-Kliniken verfügen aktuell über 38 Beatmungsplätze. Notfalls können sie auf 79 aufgestockt werden.

Das Klinikum Esslingen meldet zwölf positive Fälle auf den Isolierstationen und zwei Verdachtsfälle sowie fünf Patienten auf der Intensivstation, von denen drei beatmet werden. In Esslingen gibt es maximal 21 Beatmungsplätze.

Die Filderklinik behandelt zwei beatmungspflichtige Patienten sowie drei weitere mit Covid-Verdacht. Sie hat sechs feste Beatmungsplätze, die im Extremfall auf 14 aufgestockt werden können.bil

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