Zwischen Neckar und Alb

Der Gartensaal steht im Museumsdorf

Geschichte Die frühere Geislinger Sommerwirtschaft wurde zerlegt und restauriert. Seit fünf Monaten bauen Spezialisten das Gebäude im Freilichtmuseum Beuren wieder auf. Von Heike Siegemund

Noch gibt es viel zu tun, doch bis zum Eröffnungstermin im September bleibt ja auch noch etwas Zeit.Fotos: Heike Siegemund
Noch gibt es viel zu tun, doch bis zum Eröffnungstermin im September bleibt ja auch noch etwas Zeit.Fotos: Heike Siegemund

Der Gartensaal des ehemaligen Lokals Wilhelmshöhe in Geislingen hat eine neue Heimat gefunden: Vor fünf Monaten haben die Mitarbeiter der Firma „JaKo“ aus Rot an der Rot, die sich auf die Restaurierung und Verlegung historischer Gebäude spezialisiert hat, mit dem Wiederaufbau im Freilichtmuseum in Beuren begonnen. Am Mittwoch führten Museumsleiterin Steffi Cornelius sowie Projektleiter und Architekt Carl-Heinz Mosch Interessierte über die Baustelle. „Sie sind die ersten Besucher, die reindürfen“, sagte Steffi Cornelius zu den Teilnehmern der Führung, die unter dem Motto stand: „Betreten der Baustelle erlaubt“.

Carl-Heinz Mosch blickte zunächst zurück auf die vergangenen Monate: Der Gartensaal war in einem schlechten Zustand und stand kurz vor dem Abbruch. Die ehemalige Betreiberin der Wilhelmshöhe, Inge Hafner, machte die Verantwortlichen im Esslinger Landratsamt auf das historische Gebäude aufmerksam. Zu dieser Zeit entstand im Freilichtmuseum in Beuren die Idee, alte, regionale Kulturpflanzen besser und größer zu präsentieren; dafür wurde ein Gebäude benötigt - und so kam man schließlich zusammen. „Zuerst gab es das Thema, dann das Haus. Normalerweise ist es umgekehrt“, sagte Steffi Cornelius schmunzelnd. Im Februar und März 2018 wurde der Gartensaal in Geislingen in einem aufwendigen Verfahren in seine Einzelteile zerlegt und abtransportiert, wobei jedes einzelne Element nummeriert und in Plänen genau erfasst worden war. Der Transport der rund 3 000 größtmöglichen Einzelteile auf Tiefladern von der Fünftälerstadt in die „riesige Restaurationshalle“ der Spezialfirma war nicht ganz ohne, sagte Mosch. Zu welcher Uhrzeit fährt man welche Route? Welche Tunnel, Brücken und Kurven könnten schwierig werden? Sogar Polizeibegleitung war notwendig.

In der Restaurationshalle wurde der Gartensaal dann komplett wieder aufgebaut, restauriert, wieder abgebaut und Mitte Dezember ins Freilichtmuseum nach Beuren transportiert. Dort wird weiter fleißig gearbeitet, damit der Gartensaal wie geplant im September eingeweiht werden kann.

Von der Errungenschaft aus Geislingen, dem 25. Gebäude im Museumsdorf, konnte relativ viel Originalsubstanz erhalten werden, freute sich Steffi Cornelius. Nicht mehr gerettet werden konnten die Dachplatten. Die Biberschwanzziegel wurden in derselben Art und Farbe neu beschafft. Das Dachgebälk der im Jahr 1893 erbauten Gartenwirtschaft befindet sich im Originalzustand, ebenso die Wände, die Fenster mit Schiebefunktion, die Dielen von 1893 sowie der Massivparkettboden von 1937 und viele weitere Details, wie zum Beispiel eine Theke aus dem Büfettraum oder die Milchglas-Kugellampen von der WMF. Auch gut erhaltene Tapetenreste im italienischen Stil werden wieder angebracht; weitere Tapeten wurden in Originalausführung reproduziert.

1893 hatte Johannes Hafner den Gartensaal auf einer Streuobstwiese mit Blick auf die Fünftälerstadt erbaut, informierte Steffi Cornelius. Damals trug das Gebäude den Namen „Gartenwirtschaft zur Neuen Türkei“. 1911 eröffneten die Hafners auf demselben Grundstück das Höhenrestaurant Wilhelmshöhe. 1937 vergrößerten sie den bis zu 300 Personen fassenden Gartensaal von 120 auf 240 Quadratmeter und mit einem Biergarten, der nur im Sommer bewirtschaftet war; 1952 kam noch ein Foyer hinzu. Auch eine Kegelbahn gab es, auf der sogar Meisterschaften ausgetragen wurden. In der Region hatte sich die Sommerwirtschaft als Ausflugsziel etabliert, sagte die Museumsleiterin. Dort wurden viele Hochzeiten, Bälle, Konzerte und Tanzveranstaltungen gefeiert. „Da muss einiges los gewesen sein, und es haben sich viele Beziehungen angebahnt.“

Einer, der dies bestätigen kann, war bei der Führung in Beuren mit seiner Tochter ebenfalls vor Ort. Der heute 89-jährige Hans Maurer aus Türkheim hatte vor 63 Jahren Hochzeit im Gartensaal gefeiert. Er freut sich, dass das Gebäude mit seinen vielen großen Fenstern jetzt in Beuren wieder aufgebaut wird. Bei der Baustellenbesichtigung lebten bei dem Türkheimer viele Erinnerungen an die damalige Zeit auf.

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Das Projekt „Gartensaal“

Die Nazis haben den Gartensaal 1939 beschlagnahmt. Damals wurde er als Getreidelager genutzt. 1945 wurde die Familie Hafner ausquartiert, weil dort geflüchtete Menschen aus Estland untergebracht wurden. In den 70er-Jahren kam in dem Saal eines der ersten Fitnessstudios Deutschlands unter. „Wenn die Familie Hafner nicht so viele Dokumente aufbewahrt hätte, hätten wir die Geschichte nicht rekonstruieren können. Das ist ein wahrer Schatz“, betonte Steffi Cornelius.

Im Freilichtmuseum in Beuren wird der Gartensaal im Zustand der 1950er-Jahre gezeigt und stellt das zentrale Gebäude zwischen den Baugruppen Neckar-Land und Schwäbische Alb dar. Der Saal wird Mittelpunkt eines geplanten Zentrums für regionale Kulturpflanzen mit Tradition sein. Geplant ist eine Dauerausstellung zum Schwerpunktthema „Alte regionale Sorten“ mit Genuss- und Schauküche. Im Foyer wird auf die Geschichte des Gebäudes eingegangen; im früheren Büfettraum wollen die Verantwortlichen Einblicke in die schwäbische Gaststättenkultur geben. Die Eröffnung ist für den 18. September geplant. Bis 22. September soll es spezielle Aktionen und Veranstaltungen geben, in die auch Vereine und Schulklassen aus Geislingen eingebunden werden sollen.

Das Projekt, das insgesamt 1,6 Millionen Euro kostet, wird hauptsächlich finanziert vom Landkreis Esslingen und vom Land Baden-Württemberg. Außerdem beteiligt sich der Förderverein Freilichtmuseum Beuren an der Maßnahme. Weitere Infos gibt es auf www.freilichtmuseum-beuren.de und auf www.wilhelmshoehe-geislingen.de im Internet. hei

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