Zwischen Neckar und Alb

„Der Graswurzeldemokrat“

Der Ministerpräsident und rund 600 Gäste feiern den 70. von Wolfgang Drexler

Damit er weiter auf einem guten Weg bleibt, erhält Wolfgang Drexler von Ministerpräsident Winfried Kretschmann einen Rucksack. D
Damit er weiter auf einem guten Weg bleibt, erhält Wolfgang Drexler von Ministerpräsident Winfried Kretschmann einen Rucksack. Dieser ist gefüllt mit etwas „Treibstoff“. Foto: Roberto Bulgrin

Esslingen. Vom ersten Eindruck her mag das Wort ja etwas despektierlich klingen. Aber am Ende war man sich einig: „Graswurzeldemokrat“, und

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noch dazu ein „typisch schwäbischer“. Damit hatte Winfried Kretsch­mann die Person Wolfgang Drexler punktgenau getroffen. Immerhin weiß der Ministerpräsident wovon er redet, verbinden ihn doch mit Drexler mittlerweile 28 Jahre gemeinsamen Wirkens im baden-württembergischen Landtag – das ist eine Rekordmarke. Aber es ging um eine andere Zahl, um die 70. So viele Lenze zählt der Esslinger SPD-Landtagsabgeordnete und Landtagsvizepräsident Wolfgang Drexler seit dem 29. März, und deshalb wurde im evangelischen Gemeindehaus am Blarerplatz in Esslingen ausgiebig gefeiert.

Die SPD und der Schwäbische Turnerbund, dessen Präsident Drexler ist, hatten eingeladen, und das Gemeindehaus war kaum in der Lage, die etwa 600 Gäste zu fassen. Trotzdem: Für SPD-Landeschef Nils Schmid hätte man sicherlich noch ein Plätzchen gefunden. Doch der war nicht gekommen. Wegen anderer Verpflichtungen, hieß es, und nicht etwa wegen eines auch von Oberbürgermeister Jürgen Zieger und dessen Finanzbürgermeister Ingo Rust unterschriebenen Briefes, in dem Schmid der Rücktritt wegen des desaströsen Landtagswahlergebnisses nahegelegt wird.

Wolfgang Drexler, der ansonsten dafür bekannt ist, dass er anderen gern etwas gibt, nimmt auch mal gern etwas an: Die guten Wünsche von Menschen quer durch das komplette gesellschaftliche Spektrum und die Tatsache, dass er überall nur „unser Wolfgang Drexler“ genannt wird. Das ist Wertschätzung für einen, der im Landtag, Kreistag und Gemeinderat, als Mitglied diverser Vereine und Träger vieler Ehrenämter nicht nur omnipräsent ist, sondern auch etwas bewirkt.

Als „überaus umtriebigen und engagierten Politiker“ würdigte denn auch Winfried Kretschmann den Jubilar, einen „Streiter mit Humor, auch wenn der manchmal bissig ist“. Immerhin: Ohne Biss kommt man in der Regel nicht weit, das gilt auch für einen Ausschussvorsitzenden, der die Aktivitäten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in Baden-Württemberg durchleuchten soll. Drexler hat sich auch dieser heiklen Aufgabe gestellt „und große Verdienste erworben“, wie Kretschmann vor der Festgesellschaft versicherte. Die Verantwortung für das Land hat Drexler aber nie den Blick auf seine Heimatstadt Esslingen verstellt. „Die Esslinger Zivilgesellschaft ist ohne Dich nicht vorstellbar“, sagte der Ministerpräsident an das Geburtstagskind gewandt.

Eine tiefe Verbeugung auch von Oberbürgermeister Jürgen Zieger, der Drexler als „Ausnahmepersönlichkeit“ bezeichnete. 45 Jahre Kreistag, 41 Jahre Gemeinderat, 28 Jahre Landtag, zehn Jahre Landtagsvizepräsident, drei Oberbürgermeister ertragen, fünf Ministerpräsidenten gedient, „einer geneigten Öffentlichkeit Stuttgart 21 vermittelt“, zwischendurch für die alte Kelter in Wäldenbronn und eine Thorarolle Spenden gesammelt, dem FC Esslingen vorstehen und Präsident des Schwäbischen Turnerbundes sein: So jemandem grause es nur noch vor Wenigem, meinte Zieger, „der schwitzt Schlacke aus“.

Via Großleinwand gratulierte Günther Oettinger dem „fairen, aber streitbaren Kollegen“, mit dem er sich stets gut verstanden habe. Das gilt offenkundig auch für Landtagsdirektor Hubert Wicker („Sie sind schlichtweg ein Phänomen ohne Abnutzungserscheinungen“), für den Präsidenten des Landessportverbandes Dieter Schmidt-Volkmar („stets ein guter Ratgeber“) oder für den vormaligen Chef der SPD-Landtagsfraktion Claus Schmiedel („Kommissar Drexler steht für die Unabhängigkeit des NSU-Untersuchungsausschusses“).

Weil die Sozialdemokraten nicht gerade verwöhnt von Wahlerfolgen sind, ist der Vorsitzende der Esslinger SPD-Gemeinderatsfraktion Andreas Koch froh, „dass mit Wolfgang Drexler die kommunale SPD-Welt noch in Ordnung ist“. Er pflege ein gutes Verhältnis zum politischen Gegner, das wolle er sich bewahren, sagte der 70-Jährige und führte den ehemaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel als Beleg an. Den sei er seinerzeit als Generalsekretär hart angegangen, gleichwohl verbinde ihn bis heute ein gutes Verhältnis mit ihm.

Drexlers größte Sorge sind die zunehmenden Umtriebe in der rechten Szene. Hier fordert er Wachsamkeit und die politische Auseinandersetzung. Ansonsten gab er den Gästen noch ein Versprechen und einen Wunsch mit auf den Weg. Das Versprechen: „Ich bemühe mich nach Kräften, nicht altersmilde zu werden.“ Der Wunsch in eigener Sache: „Etwas mehr Altersweisheit.“