Zwischen Neckar und Alb

Der Höhenflug der Wirtschaft hält an

Empfang Vertreter aus Wirtschaft und Politik trafen sich in der Stadthalle K3N in Nürtingen zum Neujahrsempfang der IHK-Bezirkskammer. Von Philip Sandrock

Die voll besetzte Stadthalle K3N in Nürtingen während des IHK Neujahrempfangs. Fotos: Jürgen Holzwarth
Die voll besetzte Stadthalle K3N in Nürtingen während des IHK Neujahrempfangs. Foto: Jürgen Holzwarth

Das unglaublich hohe Niveau aus dem vergangenen Jahr kann offensichtlich in den nächsten Monaten weiter gehalten und sogar noch gesteigert werden“, sagte IHK-Präsident Heinrich Baumann während seiner Rede beim IHK Neujahrsempfang in der Stadthalle Nürtingen. „Diese herausragende Lage sei jedoch keine Garantie dafür, dass es so weitergeht. Die jetzige Situation ist kein Zufall, sondern geht auf wichtige Weichenstellungen und Reformen zurück“, so Baumann.

Dennoch müsse man sich bewusst sein, dass die Zahl der Krisenherde eher zu- als abgenommen habe. Gleiches gelte für die politischen Unsicherheiten und die Stagnation. In Europa bedrohen die Staatsschuldenkrise und der Brexit die Stabilität. Der IHK-Präsident zeigte sich jedoch erleichtert, dass der befürchtete Rechtsruck in Europa ausgeblieben sei. Dafür krisele es in Ländern wie Syrien, der Ukraine und Nordkorea weiterhin. Ganz zu schweigen von einem US-Präsidenten, der jüngsten Enthüllungen zufolge, eine stümperhafte Administration führt. „Jedes dieser Themen hat das Potenzial für dramatische Auswirkungen“, so Baumann. Allerdings brauche man gar nicht über die Landesgrenzen hinauszugehen. „Seit der Bundestagswahl sind vier Monate vergangen und im politischen Berlin herrsche Stillstand. Eine mögliche Neuauflage der Großen Koalition begeistere niemanden und sei auch keine Liebesheirat“, so Baumann. „Eine gute 100-Tage-Regierungsbilanz sieht anders aus.“ Das Ergebnis der Sondierungsgespräche sehe er mit gemischten Gefühlen. Ein Lichtblick sei das geplante Einwanderungsgesetz, mit dem man nun endlich zwischen Asylschutz und gewollter, kriteriengesteuerter Fachkräftezuwanderung klar differenzieren könne.

Heinrich Baumann
Heinrich Baumann. Foto: Jürgen Holzwarth

Bis zu einer endgültigen Regierungsbildung - den Koalitionsverhandlungen müssen zunächst ja noch die SPD-Mitglieder zustimmen - werde Deutschland von einer geschäftsführenden Regierung geleitet. Den abstrakten Begriff der „vorläufigen Haushaltsführung“ dieser Regierung machte Baumann mit einem Beispiel deutlich: So dürfe die staatseigene KfW, die viele Investitionen und vor allem den Mittelstand fördere, vorerst keine neuen Fördermittel vergeben. Auch politische Weichenstellungen zu Europa und wichtigen Rahmenbedingungen werden derzeit nicht getroffen. Konkret sprach Baumann vom Mangel an Wohn- und Gewerbeflächen in der Region. „Wir haben Unternehmen im Landkreis, die zwischenzeitlich wieder Wohnungen für ihre Mitarbeiter bauen oder kaufen“, so Baumann. Darüber müsse man als Unternehmen in Zukunft wohl wieder nachdenken. Man habe es in der Region versäumt, Flächen für ein solches Wachstum, wie man es derzeit erlebe, zu schaffen. Außerdem dauerten Planungsverfahren zu lange.

Bei der „chronisch überlasteten Verkehrsinfrastruktur“ kritisiert Baumann vor allem die jüngsten Entwicklungen bei Stuttgart 21: „Wir haben uns als IHK immer für einen multimodalen und leistungsfähigen Verkehrsknoten am Flughafen ausgesprochen, der zu einem sinnvollen Gesamtkonzept gehört.“

Bei Breitbandausbau habe man mittlerweile in der Region Fahrt aufgenommen. Es sei wichtig, dass sich alle auf ein gemeinsames Vorgehen verständigen. Größtes Problem in der Risikoabschätzung der Unternehmen sei jedoch der Fachkräftemangel.

Doch zeichne sich am Horizont eine weitere große Herausforderung ab: der Strukturwandel. Der Landkreis sei stark vom Maschinenbau und vom Automobilsektor geprägt und von einigen großen Unternehmen, die in dieser Branche tätig sind. Die Kernfrage müsse also lauten: „Wie gelingt es uns, einen möglichen Strukturwandel so zu bewältigen, dass unsere Region weiterhin als das wirtschaftliche Herz Europas gilt und wir nicht die Erfahrung des Ruhrgebiets machen müssen?“ Es ist wichtig, dass man hier am Ball bleibt, um zu seriösen Antworten zu gelangen. Der Landkreis habe hier schon seine Hausaufgaben erledigt und Untersuchungen zur Zukunftsfähigkeit gemacht. Man müsse nun „in voller Fahrt“ herausfinden, wie sich Geschäftsmodelle verändern und jetzt schon die richtigen Investitionsentscheidungen treffen. Er mahnte zur Aufmerksamkeit: „Unternehmen, aber auch der Staat machen meist die größten Fehler, wenn es ihnen gut geht.“ Im Anschluss an Baumanns Rede sprach der Festredner des Abends, Jörg Menno Harms - Aufsichtsratschef des Unternehmens Hewlett-Packard - über zukunftsfähige Führung im digitalen Zeitalter.

Anzeige