Zwischen Neckar und Alb

Der Kampf gegen Keime

Jährlich gibt es 150 erkrankte Menschen in Kreiskliniken

Ins Krankenhaus zu kommen – das ist nicht unbedingt eine gute Perspektive. Seit einiger Zeit grassiert eine zusätzliche Angst: sich anzustecken.

Wichtig für die Früherkennung von Keimen in Krankenhäusern: ein Abstrich in der Nase, der schnell analysiert werden kann Foto: J
Wichtig für die Früherkennung von Keimen in Krankenhäusern: ein Abstrich in der Nase, der schnell analysiert werden kann Foto: Jürgen Holzwarth

Kreis Esslingen. Das Problem beginnt für Karin Kadenbach nicht erst an der Krankenhaustür, sondern schon viel, viel früher. Mit dem Penizillin habe die Medizin so etwas wie einen Zauberstab in die Hand bekommen, sagt die Sozialdemokratin aus Niederösterreich. Sie sitzt im Gesundheitsausschuss des Europaparlaments. „Der Mensch hat dieses angebliche Wundermittel exzessiv eingesetzt und quasi mit Bomben auf Spatzen geworfen“, klagt sie.

Das Fatale sei, dass der Kranke vermeintlich eine schnelle Wirkung der Antibiotika verspüre, sie dann absetze und beim nächsten Infekt die restlichen Pillen aufbrauche. Laut einer Umfrage glaube die Hälfte der Europäer, dass Antibiotika gegen Erkältungskrankheiten helfe. Das sei aber nicht der Fall: „Meistens handelt es sich dabei um einen viralen Infekt. Und da sind diese Mittel nicht wirksam.“ Das Dilemma besteht für Kadenbach darin, dass man, je mehr Antibiotika man zu sich nehme, mit der Zeit umso mehr immun dagegen werde. Hier setze das Problem mit den Krankenhauskeimen an.

Außer immer wieder zu mahnen, könne das Europaparlament nicht viel tun: Zuständig seien eben die Nationalstaaten. Sie mache sich auf jeden Fall für eine Forschungs-Offensive stark: Bisher sei da wenig passiert, auch, weil Aktivitäten in Richtung Krebs und Rheuma den Konzernen schnelleren Erfolg versprächen.

Wie geht man in den Esslinger Kreiskliniken damit um? Über die Probleme mit dem methicillinresistenten Staphylococcus aureus (MRSA), wie der Keim offiziell heißt, und die Möglichkeiten zu deren Lösung informieren der Medizinische Direktor der Kreiskliniken, Jörg Sagasser, und Ute Götz, eine Hygiene-Fachkraft. Ein gesunder Mensch habe eine gesunde Abwehr gegen Bakterien. Aber wenn MRSA nicht nur die Haut „besiedle“, sondern durch eine Wunde oder im Verlauf einer Operation in den Körper eindringe, dann könne das auch für jüngere Patienten zum Problem werden.

Sagasser gibt Karin Kadenbach recht. Massiver Antibiotika-Einsatz habe zu einer Erhöhung der Resistenz und zu einer Entwicklung von MRSA geführt, vielleicht auch die Verwendung in der Tierhaltung. Auf jeden Fall wirkten ein Großteil der Antibiotika nicht mehr gegen diese Keime. „Wir haben ein hochprofessionelles System mit hohen hygienischen Standards“, sagt der Medizinische Direktor. Auch das Personal werde geschult.

Man halte sich dabei an die Vorgaben der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (Krinko): Im Rahmen eines Screening-Verfahrens würden bestimmte Personengruppen getestet. Beispielsweise Menschen, die aus Altersheimen kämen oder in den vergangenen zwölf Monaten drei Tage oder mehr im Krankenhaus verbracht hätten oder Dialyse-Patienten. Bei ihnen mache man dann einen Schnell-Abstrich, der binnen einer Stunde analysiert werden kann. So lange bleiben die Patienten in der Aufnahme. Stellt man im Labor fest, dass sie „besiedelt“ sind, verlegt man sie in Einzelzimmer.

Dort werden die Keime bekämpft. „Ganzkörperwaschung inklusive Haar, Nasensalbe, dreimal am Tag den Rachenraum spülen“, sagt Sargasser. Zudem gibt es täglich frische Bett- und Leibwäsche und ständig eine neue Zahnbürste. Das geht fünf Tage lang so. Dann macht man einen Tag Pause und nimmt danach drei Tage lang Abstriche an zuvor befallenen Stellen. Wenn es über den gesamten Zeitraum nur negative Befunde gibt, dann gilt das Problem als überstanden.

Auch für das Personal gelten Schutzmaßnahmen. Händehygiene ist bei Mitarbeitern und Besuchern das Allerwichtigste, ist Ute Götz überzeugt.

Über eins ist sich Sagasser im Klaren: „Das alles bedeutet einen enormen Zeitaufwand. Und ist auch sehr teuer.“ Im vergangenen Jahr habe man in allen Kreiskliniken etwa 150 Menschen mit positiven Abstrichen bereits bei der stationären Aufnahme in den Kliniken behandeln müssen.

Mediziner schätzten, dass zwischen 0,5 und zwei Prozent der Bevölkerung Deutschlands – also zwischen 400 000 und 1,6 Millionen – davon betroffen seien. Bei Menschen ohne Schnelltest merkt man das dann erst, wenn die Infektion ausgebrochen ist.

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