Zwischen Neckar und Alb

Der Lebenswelt entrückt

Erwin Teufel und Anselm Jopp mahnen Umdenken in der Katholischen Kirche an

Keine Kommunion für Geschiedene, keine Zulassung für Frauen als Diakoninnen, Pflichtzölibat für Priester: In der Katholischen Kirche gibt es nach Ansicht von Pfarrer Amseln Jopp und Ministerpräsident  a.D. Erwin Teufel manches, was längst aus der Zeit gefallen ist. Beide haben ihre Gedanken dazu veröffentlich. Ihre Thesen stellten sie bei einer Lesung im Panti Großbettlingen vor.

Erwin Teufel (links) und Anselm Jopp bei der Buchvorstellung. Foto: Nicole Mohn
Erwin Teufel (links) und Anselm Jopp bei der Buchvorstellung. Foto: Nicole Mohn

Großbettlingen. Derzeit blicken viele Katholiken mit Spannung nach Rom: Vom neuen Papst Franziskus erhoffen sich viele Christen eine Modernisierung ihrer Kirche. Für viele passt das, was die Kirche sagt, schon längst nicht mehr mit ihrem Leben zusammen. Auch Erwin Teufel vertritt diese Meinung. Ob es die Rolle der Frau in der Kirche ist oder der eklatante Priestermangel in Deutschland – für das ehemalige Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken gibt es einige Themen, die auf den Tisch gehören.

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Vor allem wünscht sich Teufel, dass der Mensch und seine Bedürfnisse bei der Katholischen Kirche wieder stärker in den Fokus rücken. Doch das ist schon auf Gemeindeebene mitunter schwierig. „Das größte Problem unserer Kirche in Deutschland ist der Priestermangel“, ist der ehemalige Ministerpräsident Baden-Württembergs überzeugt. Einen echten Seelsorgenotstand macht Teufel im Land aus. „Die einzige Antwort der Kirche ist immer noch größere Seelsorgeeinheiten“, schüttelt er den Kopf. Für tiefer gehende Gemeindearbeit oder auch Religionsunterricht bleibt den wenigsten katholischen Pfarrern noch Zeit.

Eine Lösung böte die Priesterweihe bewährter Männer: „Wir haben viele, die in den Gemeinden aktiv sind“, gibt er zu bedenken. Dem stehe aber das Pflichtzölibat entgegen. Eine Auflage, die es in der Urkirche nicht gab. „Es besteht erst seit 1 000 Jahren. Es ist ein reines Kirchenrecht“, macht Teufel klar, dass es sich hierbei nicht um etwas Unumstößliches handelt. Ohnehin gebe es in der Katholischen Kirche bereits verheiratete Priester: Konvertierte Pfarrer, die verheiratet waren, leben nicht im Zölibat. Für Teufel deshalb unverständlich, warum die Katholische Kirche nicht auch bewährte Männer weiht, um dem Priestermangel entgegenzuwirken.

Dass die Katholische Kirche ungeachtet der geltenden Gleichberechtigung Frauen nach wie vor als „Zweitplatzierte“ behandelt, ist für Teufel unverständlich. „Christus hat seine Kirche nicht auf Männer, sondern auf Menschen gebaut“, erinnert er daran, dass auch Frauen Jesu durch Galilea folgten. Die Katholische Kirche habe die Neuzeit verschlafen, so sein Vorwurf. „Was wäre denn, wenn die Frauen nicht in den Gemeinden mitarbeiten würden?“, verweist er auf die vielen Katholikinnen, die in den Gemeinden tätig sind. Und warnt: „Die Kirche hat nicht 50, 100, 150 Jahre Zeit, das zu ändern.“ Anderenfalls drohe der Katholische Kirche, die Frauen zu verlieren.

Teufel bekommt viel Beifall für seine Forderungen. Auch, als er fordert, die Kirche „vom Kopf auf die Füße“ zu stellen. „Das Wichtigste ist das Volk Gottes“, wünscht er sich das Subsidiaritätsprinzip zurück. „Was braucht es Rom, um über ein deutsches Gesangsbuch zu befinden“, wundert er sich.

Mit Anselm Jopp ist Teufel auf einer Wellenlänge. Ein Recht sei nur dann stark, wenn es die Schwachen schütze, gibt der ehemalige Pfarrer von Frickenhausen zu bedenken. Die Unauslöschlichkeit der Ehe, die als Grund angeführt wird, sieht Jopp nicht als gegeben.

Die strikte Haltung der Katholischen Kirche ist für den Seelsorger seit jeher unverständlich. Er bemerkt, dass einzig das Gebot zur Ehe derart strikt als Gesetz ausgelegt wird: „Du sollst nicht stehlen, aber Mundraub ist erlaubt“, „Du sollst nicht töten, aber Notwehr ist erlaubt“, gibt er Beispiele. Und stellt klar: „Gesetze ziehen Strafe nach sich, Gebote nicht.“ Vielmehr solle der Mensch danach streben. „Aber Gott überfordert uns nicht“, so Jopp. Dabei vergebe Jesu immer bedingungslos. Ebenso wenig sei die Ehe ein Sakrament: „Jesus hat die Ehe vorgefunden, nicht sie eingesetzt.“

Jopp hofft, mit seinem Buch „Es ist Zeit“ die Diskussion weiter voranzubringen. Den Band, der bei Publik-Forum erschienen ist, hat er allen deutschen Bischöfen und Kardinal Marx bereits zugeschickt. Ob er sich große Hoffnung auf ein Echo machen darf, ist ungewiss.