Zwischen Neckar und Alb

Der perfekte Baum

In der Ölmühle im Reichenbachtal darf man selbst zur Säge greifen

In diesem Jahr soll der Christbaum noch perfekter sein als in den Jahren zuvor. Nicht nur mit abwägenden Blicken beim Händler ausgewählt, sondern mit eigenen Händen abgesägt. Dafür macht sich die ganze Familie auf den Weg ins Reichenbachtal. Ziel: Ölmühle, Gemarkung Lichtenwald.

Die Äste beiseiteschieben und das Sägeblatt ganz durchziehen. Dank der Tipps von Sebastian Hecklismüller fällt Mia-Sophie ihren
Die Äste beiseiteschieben und das Sägeblatt ganz durchziehen. Dank der Tipps von Sebastian Hecklismüller fällt Mia-Sophie ihren ersten Baum.Foto: Bulgrin

Lichtenwald. Zum Hof der Familie Hecklismüller führt ein Steg, unter dem der Reichenbach dahinplätschert. Danach stehen rechts und links des Wegs Nordmanntannen verschiedener Größen, mit dicht gedrängten Ästen, manche auch ziemlich licht. Aber alle schon geschlagen. Also nichts für uns.

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Wir wappnen uns mit einer Säge und marschieren los. Gleich hinter der Ölmühle beginnt das Reich der „Selbst-Säger“. Der prüfende Blick schweift über die Bäume, die den Hang entlang des Reichenbachs säumen. Begleitet werden wir von Sebastian Hecklismüller, der mit seinem Bruder Johannes den Baumverkauf betreibt. Er erzählt, dass er seit seiner Kindheit den Suchenden zur Seite steht. Damals hat sein Opa das Geschäft ins Rollen gebracht. Heute nimmt er selbst dafür zwei Wochen frei und reist aus Hamburg an. Festgestellt hat er in all den Jahren, dass die Leute und ihre Vorlieben sehr verschieden sind. „Mit manchen bin ich als Kind drei Runden gegangen bis sie einen Baum hatten.“ Bei anderen geht's flott: kommen, sehen, sägen, einpacken lassen. „Manche gehen ohne Baum wieder.“

So weit soll es nicht kommen. Mia-Sophie geht entschlossen voran und nimmt die Bäume genauer in Augenschein. „Der hier ist auf jeden Fall zu klein“, sagt die Achtjährige entschieden und deutet auf ein Bäumchen, das kaum ihre kleine Schwester überragt. Eher soll der Baum Papas Größe haben. Da stehen zwar einige Exemplare, aber dem einen fehlt dort ein Ast, der andere ist da ungleich gewachsen. Das liegt in der Natur der Sache. Die Hecklismüllers verkaufen unbehandelte Bäume, in deren Wachstum sie nicht eingreifen. „In Plantagen werden die Stämme da eingeritzt, wo ein Ast fehlt“, erläutert Sebastian Hecklismüller. So wird der Saftfluss unterbrochen und auf der gegenüberliegenden Seite bildet sich ein neuer Trieb. Nur wenn Bäume von Pilz befallen sind, müssen die Brüder, die den Tannenbaumwald als Hobby betreiben, schnell handeln und die kranken Pflanzen raussägen. „Das Risiko ist durch die Feuchte hier im Tal und am Bach hoch“, sagt Hecklismüller. Größere Pflanzabstände helfen. Die Alternative zu den Bäumen wären Schafe. „Hier kann man Schafe halten oder Weihnachtsbäume. Beides geht nicht, weil die Schafe die Bäume abfressen“, scherzt der 38-Jährige. Lücken in der Anbaufläche, die einen Hektar umfasst, werden durch Setzlinge geschlossen. „Wir kommen kaum nach“, sagt Hecklismüller und beziffert den Bedarf auf 100 bis 200 Bäume pro Saison. Ein kleiner Setzling benötigt mehrere Jahre bis er die stattliche Höhe eines Christbaums erreicht. Mit zwei Jahren misst das Bäumchen gerade mal 30 Zentimeter. Erst nach vier Jahren streckt es sich, um mit acht Jahren 2,30 Meter hoch zu sein.

Ein Exemplar dieses Ausmaßes, also etwas größer als Papa und ziemlich gleichmäßig gewachsen, hat Mia-Sophie entdeckt. Kurz wartet sie das Okay der Eltern ab, schon kniet sie unterm Baum. Die Äste im Nacken. Die Säge in der Hand. So wie Hecklismüller es gezeigt hat, setzt sie die Säge an. Nach einigen Schnitten rät der Fachmann: „Du musst die Schneidefläche ganz durchziehen.“ Der Rat wird befolgt. Irgendwann vernehmen die Außenstehenden: „Puh, anstrengend.“ Daraufhin geht Hecklismüller in die Knie und hilft. Noch ein paar kräftige Schnitte. Der Baum fällt. Er ist einfach perfekt. Perfekt selbst gesägt.