Zwischen Neckar und Alb

Der Rollstuhl-Tuner

Thomas Schurr entwickelt in seinem Zimmer in Esslingen motorisierte Rollstühle und Rollatoren

Der 58-jährige Thomas Schurr aus Esslingen sitzt in seinem Werkstattzimmer auf einem Rollator, den er mit kleinen Motoren aufger
Der 58-jährige Thomas Schurr aus Esslingen sitzt in seinem Werkstattzimmer auf einem Rollator, den er mit kleinen Motoren aufgerüstet hat. Foto: Roberto Bulgrin

Esslingen. Wie ein Wohnraum wirkt das kleine Zimmer von Thomas Schurr im Betreuten Wohnen des Geriatrischen Zentrums Esslingen-Kennenburg nicht. Wo andere ein

Sofa oder einen Esstisch stehen haben, befinden sich hier auf verschiedenen Werkbänken Bohrmaschinen, Kreis- und Stichsägen. Schleifgeräte und Cutter liegen neben unzähligen Zangen und Schraubenziehern, und an der Wand hängen Scheren sowie Kästen voller Schrauben. In der Schrankwand befindet sich nicht etwa Kleidung: Die zig Schubladen sind gefüllt mit Arbeitsmaterialien und Ersatzteilen. Nur in der hintersten Ecke versteckt sich Wohnmobiliar: ein Bett.

Für Thomas Schurr ist das nichts Ungewöhnliches: „Ich hatte immer schon ein Bett in der Werkstatt“, sagt der 58-Jährige. In dieser Reihenfolge wohlgemerkt: Er spricht nicht etwa von Utensilien im Wohnzimmer. „Bei mir war immer der Schwerpunkt die Werkstatt“, betont er. Das ist bis heute so. Schurr ist ein Tüftler, er hat immer etwas zu tun. Aktuell bastelt er an einem Projekt, das ihm auch ganz persönlich zugute kommen könnte. Er will mechanische Rollstühle und Rollatoren mit einem Elektroantrieb versehen – und zwar kostengünstig. Höchstens 400 Euro soll man für einen Nachrüstsatz zahlen müssen.

Thomas Schurr denkt dabei an Leute wie sich selbst. Der 58-Jährige leidet an einer schweren Herzschwäche, gerade einmal 13 Prozent Herzleistung habe er noch, erzählt er. Deshalb kann er keiner regulären Arbeit mehr nachgehen und ist auf eine kleine Rente angewiesen. Weil er gern mobil ist, wegen seiner Erkrankung aber nicht lange laufen und mit seinem Rollstuhl kaum einen Hang bezwingen kann, hätte er gern ein Gefährt mit Antrieb. Doch ein solches kostet mehrere Tausend Euro. Das kann er sich nicht leisten. „Die Krankenkasse lehnt die Übernahme der Kosten in vielen Fällen ab“, erzählt er. Deshalb hat sich Schurr, der nicht nur eine Ausbildung zum Radio- und Fernsehtechniker abgeschlossen hat, sondern auch gelernter Drucker sowie studierter IT-Spezialist ist und jahrelang als Techniker bei der Bundeswehr war, der Sache angenommen.

Erste Prototypen gibt es bereits. So hat Schurr einen Rollator mit zwei handelsüblichen Motoren ausgerüstet, wie sie etwa für Akkuschrauber verwendet werden. Diese hat er an den Rädern des Rollators angebracht, an ein Steuerungssystem unter dem Sitz angeschlossen und von dort mit einem Knopf am Griff des Gefährts verkabelt. So können Fußmüde den Rollator als eine Art leichten Rollstuhl nutzen, wenn sie nicht mehr laufen können. Aber auch einen richtigen Rollstuhl hat Schurr bereits aufgerüstet. Dabei hat er die zwei kleinen vorderen Räder durch ein einziges ersetzt, das vorne mittig angebracht und durch ein Gelenk sehr flexibel ist. An diesem Rad hat der Tüftler einen Scheibenwischer-Motor installiert und mit einer Steuereinheit verbunden, über die der Fahrer seinen Rollstuhl navigieren kann.

Mit den beiden Modellen ist Schurr seinem Ziel, mit möglichst einfachen Mitteln einen elektrisch angetriebenen Rollstuhl zustande zu bekommen, bereits sehr nahe gekommen. Eigentlich hätte er sich gewünscht, noch leistungsstärkere Motoren zu verbauen, doch das hätte das Budget gesprengt. Einige Optimierungen will Schurr zwar noch umsetzen, aber das Grundgerüst steht. Er geht davon aus, dass seine Prototypen in wenigen Wochen startklar sind.

Doch was dann passiert, ist unklar. Schurr hofft, dass er mit seinem Projekt so manchem Leidensgenossen buchstäblich wieder auf die Beine helfen kann. „Eigentlich habe ich hier ja schon 200 potenzielle Kunden“, sagt Schurr über seine Mitbewohner im Betreuten Wohnen und grinst. Bislang sei das Projekt jedenfalls auf reges Interesse gestoßen. Nur eines irritiert den 58-Jährigen: „Die Sache ist eigentlich so naheliegend, dass es komisch ist, dass es das noch nicht gibt“, sagt er.

Er wird einfach ausprobieren, ob sein Produkt zieht. Es ist ohnehin nicht sein Ziel, damit reich zu werden, sagt Schurr. Vielmehr ist ihm der soziale Aspekt seines Vorhabens wichtig. Unabhängig davon hat er schon ein Ziel erreicht: „Ich habe etwas Interessantes und Sinnvolles zu tun, was kann mir Besseres passieren?“, fragt er. Früher hat er sein Hobby – das Tüfteln an Maschinen, Werkzeugen und IT-Technik – zu seinem Beruf gemacht, jetzt nutzt er die Erfahrung für sein Hobby. Obwohl Schurr an seiner Herzkrankheit zu knabbern hat und auch tagsüber viele Ruhepausen braucht, bleibt er an seinem Projekt dran: „Ich lasse mir von einer Krankheit doch nicht die Laune verderben“, stellt er klar.

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