Zwischen Neckar und Alb

„Der Verlust von Wissen wird überschätzt“

Interview Die beiden Schulpsychologen Cecilia Gajardo und Ernst Schrade sprechen über die emotionale Belastung der Schüler während der Corona-Krise. Von Petra Pauli

Symbolbild
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Ein Schuljahr wie dieses gab es noch nie zuvor. Wie es Kindern, Lehrern und Eltern mit Schulschließungen, Lockdown und Fernunterricht erging und wie Schüler die Ferien sinnvoll nutzen können, darüber haben wir mit den Schulpsychologen Cecilia Gajardo und Ernst Schrade vom Staatlichen Schulamt in Nürtingen gesprochen.

 

Manche reden schon von einer Generation Corona. Haben die Probleme von Schülern in den vergangenen Monaten zugenommen?

Ernst Schrade: Extrem verschärft hat sich sicher das Problem der Schulabsenz, das heißt, Kinder und Jugendliche, die völlig abtauchen. Pro Klasse gab es bis zu fünf Schülerinnen und Schüler, die völlig weg waren, die auf Anrufe oder Mails nicht reagiert haben. Teilweise sind Lehrer bei den Schülern deshalb sogar daheim vorbeigefahren. Insgesamt gab es eine große Verunsicherung bei den Schülern, übrigens quer durch alle Schularten, viele fühlten sich einsam und isoliert.

Wie ging es den Eltern?

Schrade: Bei Eltern sind die Ängs­te groß, dass zu viel Lernstoff verpasst wurde. Sie machen sich auch Sorgen über den Medienkonsum ihrer Kinder, digitales Lernen und Zocken haben sich oft vermischt. Es wird Zeit brauchen, das wieder zu trennen.

Cecilia Gajardo: Wir haben auch viele Anrufe von Eltern erhalten, die nicht wussten, wie sie mit der Verweigerungshaltung ihrer Kinder umgehen sollen, und die zudem mit der eigenen Belastung durch Beruf, Haushalt und Fernunterricht überfordert waren. Den Kindern hat der Abgleich mit den Schulkameraden gefehlt und nicht zuletzt auch die Begegnung mit den Lehrern.

Hat die Corona-Zeit auch positive Seiten?

Gajardo: Durchaus. Manche haben den Online-Unterricht als Chance gesehen und sind regelrecht aufgeblüht. Sie haben die Autonomie geschätzt, sie konnten sich die Zeit freier einteilen. Und man darf nicht vergessen, was durch die Krise alles gelernt wurde. Schüler mussten neue Technik anwenden, sich selbst organisieren und auch lernen, Langeweile auszuhalten - das sind alles wichtige Dinge für das spätere Leben. Ich weiß auch von Kindern, die neue Hobbys angefangen haben. Viele fixe Termine sind ausgefallen, so sind die Kinder eher nach draußen gegangen, haben die Straße und ihre Nachbarschaft für sich entdeckt. Auch die Eltern waren häufiger zu Hause, man hat viel miteinander gemacht. Für viele war es eine gute Zeit.

Sollen Schüler in den Ferien abschalten oder versuchen, Stoff nachzuholen?

Schrade: Der Verlust von Wissen, der durch Fernunterricht entstanden ist, wird aus meiner Sicht überschätzt. Es gab die Kurzschuljahre oder den Übergang von G 9 auf G 8, durch beides ist den Schülern kein Nachteil entstanden. Ich plädiere für Erholung. Auch Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Sommerurlaub - und zwar mindestens vier, besser noch fünf Wochen.

Gajardo: Wir begrüßen aber Nachhilfeangebote wie die Lernbrücken, die das baden-württembergische Kultusministerium für die letzten zwei Ferienwochen anbietet. Vor allem weil Lernen dann nicht daheim, sondern in der Schule stattfindet - das ist eine Entlastung für die ganze Familie.

Homeschooling bleibt wohl auch im neuen Schuljahr ein Thema. Was ist wichtig?

Gajardo: Es sollte einen geregelten Alltag geben: Zu festen Zeiten mit dem Lernen beginnen, dafür eventuell auch den Wecker stellen, Pausen einplanen, die man aber nicht vor dem Bildschirm verbringt, sondern in denen man zum Beispiel nach draußen geht. Den Lernstoff in Portionen einteilen. Von 8 bis 12.30 Uhr konzentriert zu arbeiten - Pausen eingeschlossen - reicht als Pensum. Auch Belohnung ist wichtig, die man sich selbst gönnt oder die von anderen kommt.

Studienfahrten oder Ausflüge - vieles wird vorerst nicht stattfinden. Welche Auswirkungen hat das für das Verhältnis von Schülern und Lehrern und innerhalb der Klasse?

Schrade: Es muss zu einem echten Austausch kommen und das kann auch in der Schule passieren. Da können die Lehrer kreativ werden. Kooperationsspiele oder Tandemarbeit sind auch mit Abstand möglich. Wie wichtig es ist, dass Lehrer etwas für die soziale Verbindung mit ihren Schülern tun, hat sich gerade in der Krise gezeigt. Deshalb haben wir einen Leitfaden darüber entwickelt, was man machen kann. Die Lehrerinnen und Lehrer haben doch sehr unterschiedlich agiert, einige haben viel Kontakt gehabt, was sehr wirksam war, andere haben nur viel Papier produziert.

... und wenn die zweite Welle kommt?

Schrade: Die Bedingungen sind dann jedenfalls besser, es ist viel gewachsen. Wichtig ist, dass man mit den Schülern darüber spricht, was passiert ist und was in einer Krise wichtig ist. Das ständige Neuorganisieren und Reagieren, das den Lehrern viel abverlangt hat, wird leichter, es wurde nämlich viel geleistet.

Die Schulpsychologische Beratungsstelle ist auch in den Ferien erreichbar

Kostenlose Beratung: Die Schulpsychologische Beratungsstelle in Nürtingen berät nach einer Termin­absprache kostenlos und auf freiwilliger Basis. An sie können sich alle am Schulleben Beteiligten wenden: Schüler und ihre Eltern oder Erziehungsberechtigten, Lehrer, Schulleiter sowie alle anderen Menschen, die im Schulbereich arbeiten. Die Beratung ist vertraulich, das heißt, dass alle Mitarbeiter der Schweigepflicht unterliegen, auch innerhalb der Schulverwaltung.

Kontakt: Termine mit der Beratungsstelle in Nürtingen können telefonisch unter der Nummer 0 70 22/25 28 78-0 vereinbart werden. Anfragen werden auch per E-Mail beantwortet unter poststelle.spbs-nt@zsl-rs-s.kv.bwl.de. Eine Telefonsprechstunde gibt es immer dienstags von 13 bis 14.30 Uhr - auch in den Ferien.pp

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