Zwischen Neckar und Alb

Der Vize geht heim

Landrats-Stellvertreter Matthias Berg schließt die Tür im Landratsamt hinter sich

Als Sportsmann weiß Matthias Berg, dass jede Ehrenrunde einmal endet. Am Donnerstag hat der Landrats-Vize die Tür in der Esslinger Verwaltungszentrale ein letztes Mal hinter sich geschlossen. Nicht ohne Sympathien mitzunehmen.

Seine menschliche und respektvolle Art im Umgang mit Mitarbeitern und Kollegen haben Matthias Berg viele Sympathien eingebracht:
Seine menschliche und respektvolle Art im Umgang mit Mitarbeitern und Kollegen haben Matthias Berg viele Sympathien eingebracht: Am Donnerstag wurde der Landrats-Stellvertreter offiziell verabschiedet.Archiv-Foto: Markus Brändli

Esslingen. Ein paar Mal hatte er zu kämpfen. Gegen den unwiderstehlichen Drang, einfach aufzustehen und mitzumachen. Als das Quartett des Kreisjugend-Blasorchesters sich zum Ständchen aufreihte, hätte er wohl allzu gerne selbst zum Instrument gegriffen. Beim abschließenden Dank an die Eltern versagte ihm dann kurz sogar die Stimme. Als eigentlich alles schon gesagt war, hieß es weiter warten für die Gäste aus Politik und Verwaltung. Die Reinigungskräfte, das Kantinenpersonal, der Hausmeister – ohne ein persönliches Wort an die im Verborgenen arbeitenden wollte Matthias Berg nicht gehen. Soviel Zeit musste sein.

Dass er an Zeit künftig reich sein wird, ist kaum wahrscheinlich. Der Erste Landesbeamte im Esslinger Landratsamt ist ein gefragter Mann. Als Buchautor, Vortragsredner oder als TV-Experte im Behindertensport. Hätte er seine Musikkarriere als gefeierter Hornist nicht zeitgleich mit dem Job aus Gesundheitsgründen aufgeben müssen, am Terminkalender des 53-Jährigen hätte sich wohl nicht viel geändert.

Dass man ihn ungern ziehen lässt, zumal zu einem Zeitpunkt, der deutlich früher kam als erwartet, machten alle Redner bei der letzten Feierstunde im Foyer des Landratsamtes deutlich. Zwölf Jahre lang hielt er die Schnittstelle zwischen Staatsministerium und Kreisverwaltung besetzt. Hinter dem Dezernat Naturschutz und Baurecht, das Matthias Berg im Sommer 2003 übernahm, verbarg sich spätestens nach der Verwaltungsreform zwei Jahre später ein weites Feld an Aufgaben. Von der Land- und Forstwirtschaft bis hin zum Nahverkehr. Oder wie Landrat Heinz Eininger es ausdrückte: Zwischen Genmais, S-Bahn-Takt und Juchtenkäfer.

Seine menschliche und respektvolle Art im Umgang mit Mitarbeitern und Kollegen haben Matthias Berg viele Sympathien eingebracht. Der studierte Musiker und Jurist aus Trossingen, der von Geburt an mit einer Contergan-Behinderung leben muss, hat auf seine Art zurückgegeben. Seinen unverkrampften Umgang mit dem Handicap empfinden viele bis heute als wertvolle Lektion. „Sie haben uns gelehrt, mit jemandem umzugehen, der rothaarig ist, keine Arme hat und auch kein Schwäbisch spricht“, stellte Esslingens Landrat in Anspielung auf das von Berg häufig entworfene Selbstbildnis fest. Einingers Dank für zwölf Jahre „gemeinsame intensive Arbeit“ schlossen sich Dr. Reinhard Klee, Ministerialdirigent im Stuttgarter Innenministerium und Gisela Mohr für den Personalrat an.

Matthias Berg weiß offenbar ganz genau, was nach dem Landratsamt kommt. Umgekehrt wird es schwieriger. Im Stuttgarter Innenministerium laufen die Bewerberrunden. Ein Nachfolger ist offenbar noch nicht in Sicht. Bis der gefunden ist, müssen sich die Dezernatsleiter im Landratsamt den Job kommissarisch teilen und darauf hoffen, dass wieder einer kommt, der wie Berg den Ton trifft.

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