Zwischen Neckar und Alb

Der Wein und seine guten Geister

Weinanbau Das nahe gelegene Metzingen, als Outletmekka bekannt, ist bundesweit die einzige Kommune, die sieben Keltern bewahrt hat und diese auch pflegt und nutzt. Von Peter Kiedaisch

Walter Veit, Christel LInder und Martin Schadenberger sind die guten Geister des Metzinger Weins.Foto: Thomas Kiel
Walter Veit, Christel LInder und Martin Schadenberger sind die guten Geister des Metzinger Weins.Foto: Thomas Kiel

Metzingen hat als einzige Kommune Deutschlands sieben Keltern bewahrt und kultiviert, mit Neuhausen und Glems sind es insgesamt elf Keltern. Heute kümmert sich um diese Gebäude neben der Stadt der Förderkreis Metzinger Keltern (FMK), ein Verein mit 400 Mitgliedern, von denen etwa 50 aktiv mitarbeiten. Sie sind die guten Geister des Weinbaus.

Wir sitzen im Wengerterhäusle am Kelternplatz. Das Weinbaumuseum und die Vinothek sind keine 50 Meter entfernt. Hier ist Weingenießen Kultur.

Walter Veit: Schon erstaunlich, wie sich alles entwickelt hat. Vor etwas mehr als 50 Jahren haben viele Metzinger gesagt, „reißt es doch ab, das alte Gerümpel“. So wäre es wahrscheinlich auch gekommen, hätte sich der Denkmalschutz nicht gegen den Abriss gestellt.

Die Keltern blieben stehen. Sieben an der Zahl. Sie sind restauriert und mit Leben gefüllt.

Veit: 1979 wurde das Weinbaumuseum eingerichtet. Aber es war ein Sommer-Sonntag-Nachmittagsmuseum. Wir konnten nur in der warmen Jahreszeit öffnen. Es war nicht isoliert, es gab keine Heizung. Schließlich wollten wir es ganzjährig erlebbar machen. Seit der Umgestaltung 2009 können wir das Museum auch im Winter unseren Gästen anbieten.

Sie bieten Führungen und Weinproben an, zudem dienen Museum und Wengerterhäusle als Veranstaltungsräume. Was unterscheidet diese Räumlichkeiten von anderen Veranstaltungsorten?

Martin Schadenberger: Wer bei uns feiern möchte, dem bieten wir Weinkultur. Wir bieten Weinproben im Wengerterhäusle in Kombination mit Museums- oder Weinerlebnisweg-Führungen an.

Christel Linder: Das entspricht unserer Vereinssatzung. Veranstaltungen müssen immer mit der Weinkultur zu tun haben. Zudem schenken wir selbstverständlich den Metzinger Wein aus.

Metzingen ist ja hauptsächlich wegen der Outlets bekannt. Zieht auch der Wein Touristen an?

Veit: Unser Konzept, Wein und Kultur zu vereinen und das Weinbaumuseum mit Veranstaltungen zu beleben, ist erfolgreich. Mit Veranstaltungen erreichen wir mehr Leute, das ist schon ein guter Angelhaken. Außerdem haben wir unsere Keltern nicht abgerissen. Eine Kelter haben viele Gemeinden stehen lassen, aber wir sind die einzige mit sieben Keltern auf einem Platz. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal.

Linder: Natürlich eröffnet uns das Internet ganz neue Möglichkeiten. Inzwischen erhalten wir fast täglich Anfragen.

Herr Schadenberger, Sie sind einer der Experten für Weinproben. Gehören Sie auch zu den Metzingern mit eigenem Weinberg?

Schadenberger: Das stimmt sogar. Beinahe. Meine Schwiegermutter war damals im Pflegeheim des Evangelischen Diakonissenrings, als dort das Haus am Weinberg gebaut wurde. Aus einer Laune her-aus bot ich dem Heimleiter an, dort einen kleinen Weinberg anzulegen. Im Jahr 2010 pflanzte ich etwa 50 Rebstöcke verschiedener Tafeltrauben, auch kernlose Sorten, die von älteren Bewohnern bevorzugt werden.

Ausgerechnet jemand, der Weinproben anbietet, pflanzt Tafeltrauben. Ist das kein Sakrileg?

Schadenberger: Natürlich ist es viel angenehmer, den Wein zu trinken.

Veit: Wein war schon immer als keimfreies Getränk geschätzt.

Heute trinken wir Wein wegen ganz anderer Vorzüge.

Schadenberger: Die Qualität unserer Weine ist inzwischen hervorragend. Da haben die Wengerter in den vergangenen Jahren wirklich alles richtig gemacht. Es gibt feine Geschmacksunterschiede. In den Weinproben ist es immer ein Spaß, die Leute da hinzuführen, wo das Weintrinken zum Genuss wird.

Woher kennen Sie sich so gut aus?

Schadenberger: Ich habe das von der Pike auf gelernt. Als ich Rentner wurde, wollte ich mich im Förderkreis einbringen. Dazu war für mich wichtig, die Arbeit im Weinberg kennenzulernen. Die Weingärtnergenossenschaft hat mich zusätzlich auf die Weinbauschule geschickt, wo ich zum Weinerlebnisführer ausgebildet wurde. Präsentieren konnte ich als Produktmanager für Gabelstapler schon vorher, aber das Wissen über Wein habe ich mir erst auf der Schule geholt. Inzwischen werden jährlich vom Förderkreis über 100 Veranstaltungen durchgeführt.

Und Ihr Weinberg beim Altenheim? Haben Sie für den auch noch Zeit?

Schadenberger: Ja. Allein würde ich es kaum schaffen. Ein Ar ist für einen allein sehr viel, aber mit meinen Kollegen vom Förderkreis ist der sechsmalige Einsatz im Jahr ganz lustig. Ich habe dem Leiter des Diakonissenrings übrigens eine Bedingung gestellt: Wenn ich selbst mal Bewohner würde, wünschte ich ein Zimmer mit Blick auf meinen Weinberg.

Veit: Dann kannst Du vom Fenster aus die Staren vertreiben. Nicht unerwähnt bleiben darf das Engagement des eingespielten FMK-Teams bei den größeren öffentlichen Veranstaltungen auf dem Kelternplatz: Beim zweitägigen Kunstmarkt an Pfingsten übernimmt der Förderkreis die Bewirtung der Besucher. Beim neuntägigen Kelternfest wirken mehrere Metzinger Vereine mit; die Oberregie liegt auch beim FMK. Beim Weihnachtsmarkt gibt’s im Wengerterhäusle das beliebte Linsenessen.

Heimischer Wein gewinnt immer mehr Freunde. Archiv-Foto: Jean-Luc Jacques
Symbolbild. Jean-Luc Jacques
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