Zwischen Neckar und Alb

Der Zug ist abgefahren

Nahverkehr Der Finanzausschuss des Kreistags stimmt heute über eine Erhöhung der Fahrpreise im VVS ab. Dabei ist die Entscheidung an anderer Stelle Esslingen längst gefallen. Von Bernd Köble

Ende im Tarifstreit: Erstmals nach knapp drei Jahren steigen die Preise im Nahverkehr.Foto: Carsten Riedl
Ende im Tarifstreit: Erstmals nach knapp drei Jahren steigen die Preise im Nahverkehr. Foto: Carsten Riedl

Das Thema ist durch. Wer im Bereich des VVS mit Bus oder Bahn unterwegs sein will, muss sich ab 1. April auf höhere Ticketpreise einstellen. Die vom Verkehrsministerium des Landes und der Stadt Stuttgart angepeilte Nullrunde wollen die vier Verbundlandkreise Esslingen, Ludwigsburg, Böblingen und Rems-Murr nicht mittragen. Zwar kommt es im Finanzausschuss des Esslinger Kreistags erst heute zur Abstimmung, doch die könnten sich die Fraktionsvertreter eigentlich schenken. Weil das Veto eines einzelnen Kreises genügt, ist schon seit Wochenbeginn klar, dass die Preise erstmals seit Januar 2018 wieder steigen werden. Am Montag hatte sich der Verkehrsausschuss des Rems-Murr-Kreises als erster auf eine moderate Preiserhöhung um 1,9 Prozent festgelegt, die als Kompromiss gesehen wird. Den Reigen werden heute die Esslinger schließen, wo eine Mehrheit aus Freien Wählern, CDU, FDP und AfD als sicher gilt. Der VVS-Aufsichtsrat hat dem bereits vorgegriffen und sich am Dienstag auf eine Tariferhöhung geeinigt. Davon ausgenommen bleiben die Abos für Schüler, Auszubildende und Studenten, das Tagesticket und die Kindertarife bei Einzelfahrten.

Die Preiserhöhung fällt mit durchschnittlich 1,9 Prozent geringer aus als nötig wäre, um entstandene Mehrkosten aufzufangen. Rein rechnerisch wäre eine Erhöhung um 3,5 Prozent nötig gewesen, weil gestiegene Personalkosten und Investitionen die Mehreinnahmen beim Ticketverkauf, der seit der Tarifreform im April um 5,2 Prozent gestiegen ist, längst wieder aufgefressen haben.

In den Reihen von Grünen, SPD und Linken im Kreistag hält man den jetzt eingeschlagenen Weg dennoch für das falsche Signal. Den Kreis Esslingen hätte eine Nullrunde im kommenden Jahr 980 000 Euro gekostet. Eine Ausgabe, die für Grünen-Fraktionschefin Marianne Erdrich-Sommer verkraftbar gewesen wäre, um den Effekt der Tarifreform vom Frühjahr zu befeuern. „Die Investitionen, die in den nächsten Jahren beim ÖPNV auf uns warten, sehen auch wir“, räumt die Grünen-Politikerin ein. Deshalb müsse man grundsätzliche darüber reden, wie der Ausbau des chronisch unterfinanzierten Nahverkehrs dauerhaft gesichert werden könne. Erdrich-Sommer: „Das Geld muss aus einer Quelle kommen, für die alle bezahlen.“ Das sieht auch Michael Medla (SPD) so, der einen höheren Steueranteil bei der Finanzierung für dringend erforderlich hält. Durch die jetzige Preiserhöhung sei eine Chance vertan, mehr Freizeitverkehr auf die Schiene zu bringen. Dass sich Einzeltickets am stärksten verteuern, halte vor allem Gelegenheitskunden vom Umstieg ab. Das Scheitern der Verhandlungen zwischen den Landräten und dem Land sieht Medla als Folge „atmosphärischer Störungen“, die sich schon beim Streit um die Eingliederungshilfe oder die Kosten für Flüchtlinge abgezeichnet hätten.

CDU spielt Qualitäts-Karte

Freie Wähler und CDU stehen Seite an Seite mit ihren Fraktionskollegen in den drei Partnerlandkreisen. „Die 1,9 Prozent tragen wir mit“, sagt FW-Fraktionschef Bernhard Richter. Dass sich bei ermäßigten Tickets für Schüler und Studenten nichts ändern dürfe, sei immer klar gewesen. „Wer allerdings mehr verspricht, der soll gefälligst auch bezahlen“, lautet Richters Botschaft an die Adresse des Landesverkehrsministers Winfried Hermann. Für Sieghart Friz (CDU) steht Qualität im Nahverkehr vor niedrigen Preisen. „Angebot, Takt und Pünktlichkeit ist das, woran wir arbeiten müssen“, sagt er. „Das alles kostet Geld.“

Das Land hatte sich bei einer Nullrunde bereit erklärt, bis 2025 ein Drittel, darüber hinaus dauerhaft ein Viertel des jährlichen Defizits im Nahverkehr zu übernehmen. Den Landkreisen war dies zu wenig.

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