Zwischen Neckar und Alb

„Die äldeschde Boygroup em Ländle“

Musik Das Brock-Terzett gibt es seit 60 Jahren. Der Plochinger Günter Röttger ist mit 74 Jahren der „Youngster“. Vom Ruhestand wollen die drei nichts wissen. Von Petra Bail

Brock-Terzett
Sehen nach allem aus, aber nicht nach Rentnerband: Gerhard Brodbeck, Günter Röttger und Kurt Eisele (von links). Foto: pr

Kreis. Sie nennen sich „die älteschte Boygroup em Ländle“ und übertrumpfen mit ihrer Präsenz auf den Bühnen selbst die „Rolling Stones“. Nur „The Lords“ stehen genauso lange gemeinsam auf der Bühne wie das Brock-Terzett. Immerhin bringen es die drei Musiker auf ein Gesamtalter von 236 Jahren. Youngster Günter Röttger aus Plochingen drückt ihr Durchschnittsalter von knapp 79 Jahren. Er ist mit 74 Jahren quasi das Nesthäkchen der singenden Botschafter des Schwabenlands. Als solche versteht sich das erfolgreiche Brock-Terzett, das 1959 gegründet wurde und somit in diesem Jahr sein 60-jähriges Bestehen feierte.

Für die drei leidenschaftlich musizierenden Herren gilt die gleiche Regel wie für einen guten Wein: je älter, umso besser. „In der Musik gibt’s keine Seniorenabteilung“, sagt Kurt Eisele (Akkordeon und Gesang), der gerade 81 Jahre alt geworden ist und den lebenden Beweis dafür liefert, dass Musik jung hält. Zumindest Volksmusik. „Mir Schwaben send Pfondskerle“ heißt entsprechend dieser lebensbejahenden Einstellung ein Album.

Gerhard Brodbeck (Gitarre und Gesang) und sein Bruder Uwe (Bass und Gesang) machten gemeinsam mit Kurt Eisele gut zehn Jahre lang Tanzmusik. Das erste Engagement war im Schützenhaus in Stuttgart-Weilimdorf. Damals waren Drei-Monats-Verträge üblich. Jeden Samstag und Sonntag wurde im Tanzlokal gespielt. Das Terzett tourte im gesamten Stuttgarter Raum. Anfang der 70er-Jahre kam der Wandel. Die Kapellen für Tanzmusik wurden größer. Das Brock-Terzett wollte etwas anderes machen, liebäugelte mit Auftritten bei bunten Abenden, an denen verschiedene Künstler auftraten.

Es war die Endphase der Tanzmusik, als Uwe Brodbeck zur Bundeswehr musste und der Kirchheimer Walter Ott mit der „opernreifen, schönen Stimme“ zu dem Trio stieß. Die Combo besann sich aufs Schwabentum und machte Mundart. „Damit hatten wir als Musiker ein Alleinstellungsmerkmal“, erzählt Eisele und holt aus dem Keller seines Hauses im Esslinger Stadtteil Sulzgries einen Stapel Langspielplatten von 1974 und 1977. Die zeigen auch, wie gut vernetzt das Brock-Terzett während der ganzen Zeit war. Auf den Platten-Covern sind sämtliche Schwabenlegenden und Mundart-Urgesteine, die mit den Musikern gemeinsame Sache gemacht haben, abgebildet: Walter Schultheiß, Trude Wulle, Werner Veidt, Oscar Heiler, Willy Reichert, Willy Seiler, Max Strecker und mitten drin das Brock-Terzett. Auch Christel Röder war dabei, die 1968 in die Endausscheidung der Deutschen Schlagerparade in Berlin kam und dadurch bundesweit bekannt wurde.

Dreimal trat das Brock-Terzett bei Karl Moik im „Musikantenstadel“ auf. Die drei Schwaben waren auch gern gesehene Gäste bei „Kein schöner Land“, in der volkstümlichen Unterhaltungssendung „Fröhlicher Alltag“ und der Volksmusikshow „Im Krug zum grünen Kranze“. Ihr Lied „Stäffele nuff und Stäffele na“ landete bundesweit in den Hitparaden auf Platz drei, aber auch mit Titeln wie „Im stillen Tal“ oder „Schwobeland, die muss ma mega“ stürmten sie die Rundfunkhitparaden. Als Highlight wertet Eisele den Auftritt mit US-Sänger Harry Belafonte bei der Berliner Funkausstellung. 2013 bekamen die drei Schwaben den Traugott-Armbrüstle-Preis für Verdienste um die schwäbische Mundart und die schwäbische Lebensart verliehen.

Das Brock-Terzett kam viel herum. Sie spielten auf Kreuzfahrtschiffen, schipperten bis Spitzbergen, zwischen den griechischen Inseln, bis Westafrika und Südamerika. Dafür nahmen die Musiker ihren Jahresurlaub, denn alle drei hatten Brotberufe. Vorteil: Man konnte die Familie mit auf die Reisen nehmen. Sie tourten durch Kanada, und in der Karibik gab es nicht nur schwäbische Lieder. Dort griffen die drei schwäbischen Musik-Urgesteine tief in die Kiste mit den Seemannsliedern aus der Tanzmusik-Ära.

„Es war eine schöne Zeit“, erinnert sich Eisele und berichtet von dem Tag, der fast das Ende des erfolgreichen Trios gewesen wäre. 2001 starb Walter Ott unerwartet mit Anfang 60 an Herzversagen. Da kam Günter Röttger ins Spiel, ein Freund Otts, der als Solist bei Jochen Brauer mitwirkte und Gerhard Wendland, einer der populärsten Schlagersänger der 50er- und 60er-Jahre begleitet hatte. Er brachte alle Voraussetzungen für eine würdige Nachfolge mit: Er ist Schwabe, spielt Gitarre, hat Bühnenpräsenz und verfügt über viel Erfahrung.

Bis heute füllen die drei Musiker mit ihrem Unterhaltungsprogramm aus volkstümlichen Schlagern, die fast alle selbst komponiert und getextet sind, die Hallen. Mundart kommt nicht erst gut an, seit Ministerpräsident Winfried Kretschmann den Erhalt des Dialekts zur Chefsache erklärt hat. Die Melodien des Brock-Terzetts bedienen sich bei klassischen Walzerklängen, Popmusik, Country und Dixieland; die Texte sind humorvoll bis hintersinnig mit liebevollem Blick auf den schwäbischen Alltag, wie den der Traktor fahrenden „Barbara von d’r Alb ‘ra“. Wer weiß, dass Brodbecks Hund „Paula“ heißt, bekommt zu dem gleichnamigen Lied über „am Häberle sei goschige Frau“ einen ganz anderen Bezug.

Unlängst lag ihnen Uhlbach zu Füßen. 100 Zuhörer drängten sich im Saal. Aufgrund der großen Nachfrage wird das Konzert am 21. März um 20 Uhr im evangelischen Gemeindehaus wiederholt. Altersbedingt treten die Musiker etwas kürzer. Obwohl sich alle drei fit halten: Kurt Eisele spielt Tennis, fährt Ski und Fahrrad. Gerhard Brodbeck spielt aktiv Tennis bei den Herren 70 in Althengstett, und Günter Röttger ertüchtigt sich beim Fechten.

So lange sie das Publikum begeistern, will die schwäbische Boygroup weitermachen. Dem Trio war es immer wichtig, einen Draht zum Publikum herzustellen. Nach dem Auftritt mit de Leut’ a bissle schwäbisch schwätze, gehört einfach dazu, und das schätzen die Fans auch, die sie seit Jahrzehnten treu begleiten. Manche stricken Socken, andere bringen ihren Idolen „a Gsälz“ mit. „So lange die Finger noch laufen“ wird Eisele das Akkordeon spielen. Neue Titel kommen wenige dazu, CDs sorgen in Zeiten von Streamingdiensten nicht mehr für reißenden Absatz. Man bedient sich aus dem schier unerschöpflichen Repertoire.

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