Zwischen Neckar und Alb

Die Angst im Nacken

Verkehr Rücksichtslose Autofahrer nutzen immer häufiger Schleichwege in den Esslinger Weinbergen, um schneller ans Ziel zu kommen. Spaziergänger und Hunde leben seitdem gefährlich. Von Alexander Maier

Besorgt um die Tiere: Jürgen Bieda, Wolfgang Kiebeler, Annette Titzmann und Klaus Otter (von links). Foto: Bulgrin
Besorgt um die Tiere: Jürgen Bieda, Wolfgang Kiebeler, Annette Titzmann und Klaus Otter (von links). Foto: Bulgrin

Viele Esslinger genießen es, durch die Weinberge an der Neckarhalde zu spazieren. Und auch Hundebesitzer sind dort gerne mit ihren Tieren unterwegs. Doch das ist nicht ungefährlich, weil Autofahrer die Wirtschaftswege, die eigentlich für den Durchgangsverkehr gesperrt sind, gerne als Schleichwege nutzen.

Helene Kohler ist immer noch fassungslos, wenn sie an das zurückdenkt, was ihr kürzlich in der Esslinger Neckarhalde widerfuhr: „Ich ging mit meinem Hund spazieren und sah einen toten Hund im Feld liegen. Als ich näherkam, stellte ich fest, dass Kopf und Schultern fehlten.“ Als Tierärztin konnte sich die Esslingerin sofort einen Reim auf das machen, was dem Tier zugestoßen sein musste: „Solche Verletzungen sind typisch, wenn ein Hund vom Auto überfahren wird und in den Radkasten gerät.“ Kohler hat die Polizei gerufen, die keinen Hinweis auf Tierquälerei fand und die die Chance, den Autofahrer zu ermitteln, eher gering einschätzt. Denn obwohl die meisten Wirtschaftswege durch die Weinberge für den Durchgangsverkehr gesperrt sind, nutzen viele Autofahrer solche Schleichwege, um rascher ans Ziel zu kommen. Manche sind derart in Eile, dass sich Hundebesitzer, Spaziergänger und Mütter mit Kindern ernsthaft gefährdet sehen.

Wolfgang Kiebeler, der oft mit seinem Dackel in den Weinbergen unterwegs ist, fragt sich: „Gilt nur noch das Recht des Stärkeren? Ist unser Sozialverhalten auf den Hund gekommen?“ Kiebeler weiß, wovon er spricht, schließlich kann er einschlägige Erfahrungen vorweisen: „Unser Hund genießt es, sich zwischen Kleingärten und Feldern auszutoben. Manchmal begegnen uns rücksichtsvolle Radfahrer und motorisierte Stücklesbesitzer, die langsam fahren, um uns die Möglichkeit zu geben, den Hund wieder an die Leine zu nehmen.“ Neulich aber wollte ein Autofahrer dem Hund zeigen, wer der Schnellere ist. „Er beschleunigte und überfuhr auf dem engen Weg unseren Dackel. Danach gab’s kein Anhalten, er fuhr ungebremst weiter.“ Der Hund hatte Glück im Unglück: Das Auto hat ihn wohl nur mittig erwischt, sodass er vom Tierarzt behandelt werden konnte. Die Arztrechnung steht noch aus.“

Geschichten wie diese hört man immer wieder, wenn man sich mit Hundebesitzern unterhält. „Die Rücksichtslosigkeit mancher Autofahrer macht mir Angst“, sagt Annette Titzmann. „Manche glauben, sie dürften über die Feldwege rasen, wie es ihnen passt.“ Dabei sind solche Wirtschaftswege klar gekennzeichnet und für den Durchgangsverkehr gesperrt.

Dass nicht nur Hunde, sondern auch Menschen auf Wirtschaftswegen in den Weinbergen gefährdet sind, hat Marita Klauser oft genug festgestellt: „Mich hat vor einiger Zeit ein Autofahrer im Vorbeifahren mit seinem Wagen gestreift und ist einfach weitergefahren. Kurze Zeit später kam die Polizei, die er auf mich aufmerksam gemacht hat, weil mein Hund nicht angeleint war. Von seinem Fehlverhalten war keine Rede.“

Klaus Otter wünscht sich wie viele andere Hundebesitzer verstärkte Kontrollen durch die Stadt: „Es muss doch festzustellen sein, wer hier fahren darf und wer nicht. Wenn man nachfragt, bekommt man nur zu hören, dass bei Kontrollen kaum Verstöße festgestellt werden.“ Das wiederum überrascht Helene Kohler: „Wer zu den Hauptverkehrszeiten frühmorgens und abends hier unterwegs ist, erlebt etwas anderes. Kürzlich habe ich in fünf Minuten acht Autos gezählt. Das waren bestimmt nicht alles Wengerter und Gütlesbesitzer.“

Der Esslinger Ordnungsamt verweist darauf, dass es schwer zu kontrollieren sei, wer auf den Wirtschaftswegen zum Fahren berechtigt sei und wer nicht: Bei Kontrollen würden die Fahrer einfach versichern, sie seien auf dem Weg zu ihrem Grundstück. Mit Schranken seien die Erfahrungen sehr schlecht.

Anzeige