Zwischen Neckar und Alb

Die AWO sorgt sich um Vertrauen

Flüchtlinge Freie Träger wie die Arbeiterwohlfahrt wollen keine Erfüllungsgehilfen der Behörden sein. Rückkehrberatung nur auf freiwilliger Basis. Von Bernd Köble

Der Abschiebung zuvorkommen: Rückkehrberatung für Flüchtlinge wird kontrovers diskutiert. In der geordneten Rückreise sehen Behö
Der Abschiebung zuvorkommen: Rückkehrberatung für Flüchtlinge wird kontrovers diskutiert. In der geordneten Rückreise sehen Behörden und Politiker einen Beitrag zur Entwicklungshilfe.Foto: Markus Brändli

Sie sind am nächsten dran. Die Frauen und Männer, die im Sozialdienst der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Flüchtlinge durch den Alltag in einer für sie fremden Welt lotsen, stehen mittendrin. Niemand kennt die Sorgen und Probleme besser, niemand genießt mehr Vertrauen bei den Hilfesuchenden als sie. Doch dieses Vertrauen sieht die AWO in Gefahr. Seit bekannt ist, dass die Sozialarbeiter bei den Plänen des Landkreises, die Rückkehrberatung für Flüchtlinge zu forcieren, eine zentrale Rolle spielen sollen, müssen sie sich kritischen Fragen stellen. Dabei steht die AWO den Menschen bei der freiwilligen Rückkehr in ihr Heimatland schon lange mit Rat und Tat zur Seite.

Freiwilligkeit, darum geht es. Ein Grundsatz, den Julie Hoffmann, Sozialdienstleiterin der AWO, in Gefahr sieht, nachdem der Kreis angekündigt hat, die Zahl der Rückkehrer ohne Bleibeperspektive im kommenden Jahr verdoppeln zu wollen. Von den 4700 Flüchtlingen im Kreis hat etwa die Hälfte keine Chance auf Asyl. Ihnen soll durch Beratung und eine Rückkehrprämie die Entscheidung zur Ausreise erleichtert werden. 86 waren es 2016, rund 200 sollen es im kommenden Jahr sein. Freiwillige Rückreise statt Abschiebung, dagegen hat auch Julie Hoffmann keine Einwände. Nur: „Wir wollen nicht in Verdacht geraten, Quoten zu erfüllen“, sagt sie. „Das Vertrauen der Menschen ist unser größtes Kapital.“

SPD-Kreisrätin Carla Bregenzer, seit Jahren selbst in der Flüchtlingshilfe aktiv, hatte dieses Vertrauen als Argument ins Feld geführt. Weil sie den besten Zugang zu den Menschen in den Unterkünften hätten, seien die AWO-Mitarbeiter für die Überzeugungsarbeit eher geeignet als Behördenvertreter, meinte Bregenzer, als es vor zwei Wochen im Sozialausschuss darum ging, eine zusätzliche Personalstelle für die Beratung im Landratsamt politisch abzunicken. Die meisten Flüchtlinge hätten in Ämter kein Vertrauen, meint die SPD-Frau. „Sie verbinden damit nur Widerstand und Ablehnung.“

Im Landratsamt will man die Sorge beim Partner nun entkräften. Es gehe nicht um Druck oder Quoten, meint Christian Sigler, der Leiter des Amts für Flüchtlingshilfe. „Ziel ist es, unser Beratungsangebot bekannter als bisher zu machen und uns bei diesem Thema breiter aufzustellen.“ Die Diskussion bleibt kontrovers: Für die einen ist es Starthilfe in ein geordnetes Leben in der Heimat, für andere Augenwischerei und eine reine Kostenrechnung. Gelänge es, die Zahl der Rückkehrer tatsächlich zu verdoppeln, würde sich die Beraterstelle durch Einsparungen bei Sozialleistungen von selbst finanzieren.

Wer am Ende welche Aufgaben übernimmt, soll in einem ersten gemeinsamen Gespräch mit den freien Trägern nach Pfingsten geklärt werden. Bis dahin soll möglichst auch die Stelle besetzt sein, die im Landratsamt zurzeit intern ausgeschrieben ist. Ein Weg, den Sigler sieht: „Die freien Träger beraten, wie sie das immer getan haben, die Koordination und alles Rechtliche übernehmen wir.“

Die helfende Hand im Alltag

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Kreis Esslingen ist wichtigster Partner des Landratsamtes bei der sozialen Betreuung von Flüchtlingen. Etwa 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bieten Sprechstunden in den Unterkünften an und helfen Menschen aus mehr als 30 Herkunftsländern bei Behördenkontakten, in Rechtsangelegenheiten, im Krankheitsfall und in allen Fragen des täglichen Lebens.

Die AWO ist seit 1987 in der Flüchtlingsbetreuung tätig. Die Zusammenarbeit mit dem Landkreis regelt seit 1996 ein Kooperationsvertrag. Seit 1998 übernimmt sie im Auftrag des Landratsamtes auch die psychosoziale Betreuung von Geflüchteten. Neben der AWO arbeitet auch der Malteser Hilfsdienst im Kreis im Sozialdienst für Flüchtlinge.

Ortsvereine der AWO gibt es in Esslingen, Kirchheim, Leinfelden-Echterdingen, Baltmannsweiler und in Reichenbach.bk

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