Zwischen Neckar und Alb

Die echte Welt im Kleinen

Modellbau Epochales entsteht derzeit unter dem Märklineum in Göppingen: eine 250 Quadratmeter große Modelleisenbahnanlage. Sie soll im Juni eröffnen. Von Axel Raisch

Oben: Seit März bauen elf Mitarbeiter die 250 Quadratmeter große Anlage für das Märklineum. Mitte: Bis zu 300 Besucher können di
Seit März bauen elf Mitarbeiter die 250 Quadratmeter große Anlage für das Märklineum.  Foto: Giacinto Carlucci
Einen Abstecher zum Blautopf, ein Gläschen Wein in den Esslinger Weinbergen und eine Runde über den Stuttgarter Schlossplatz – die Region hat viel zu bieten. Ein Tagesausflug würde nicht reichen, um alles zu besuchen. Nicht so im Märklineum, wo derzeit eine Modellbahnlandschaft, die „Epochenanlage“, entsteht, die Attraktionen und Sehenswürdigkeiten von der Schwäbischen Alb bis zum Unterland auf rund 840 Metern Gleisanlagen zeigen und dabei verschiedene Epochen streifen wird. „Warum soll man in die Ferne schweifen, wenn es hier so schön ist“, meint Event- und Marketingleiter Eric-Michael Peschel.

Von der Entstehung der Eisenbahn bis zu aktuellen Entwicklungen spiegelt sich hier das Leben der Menschen von der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert bis ins beginnende 21. Jahrhundert im Maßstab 1:87 wider. 171 Weichen werden die 70 bis 80 Züge mit Zuglängen bis zu zweieinhalb Metern (20 bis 30 werden gleichzeitig fahren) in die jeweilige Epoche und Region über acht autarke, elektrisch nicht verbundene Anlagenteile leiten.

Zur perfekten Simulation der echten Welt im Kleinen dient auch die alle 25 Minuten wechselnde Schaltung zwischen Tag und Nacht. Dann gehen Lichter an den Häusern und Straßen an, Autos schalten ihre Scheinwerfer ein, bis mithilfe von drei Großraum­beamern wieder ein eindrucksvoller Sonnenaufgang erfolgt. Fast nichts scheint unmöglich auf der Anlage. Auch nicht eine aufziehende Gewitterfront, nach deren Abklingen in Mini-Echterdingen wieder Flugzeuge starten können.

Seit März bauen elf – darunter vier eigens dafür eingestellte Quereinsteiger – Mitarbeiter des Messe- und Anlagenbaus der Firma Märklin an Abschnitt 1 der Anlage. Dort wird die Entwicklung von Eisenbahn und Land bis in die 1970er-Jahre zu sehen sein. Hinzu kommen zwei externe Berater und Landschaftsbauer. Darunter Modellbauer Wolfgang Leusch aus Düsseldorf, der den Blautopf bereits detailgetreu nachgebaut hat. Der Clou: Das beliebte Ausflugsziel bei Blaubeuren kann nicht nur von oben, sondern auch von unten betrachtet werden. Ein Blick in die Karsthöhlen ist an zwei Stellen möglich, inklusive Höhlenforscher in Aktion.

Es ist nur eine der vielen Besonderheiten, die ab Mitte 2020 die jährlich erwarteten 100 000 Besucher der Märklineums faszinieren werden. Neben den Esslinger Weinbergen, die derzeit mit neues­ter Modellbautechnik entstehen, wird beispielsweise ein Blick zu einer Weinprobe in einen Wengerterkeller möglich sein. Um das Fest für die Sinne zu komplettieren, sind auch noch Duft­elemente geplant, die an der richtigen Stelle die jeweils passenden Gerüche verströmen. Für Kinder wird es Bedienelemente geben, mit denen beispielsweise Riesenräder und Modellautos in Bewegung gesetzt werden können oder sie Gänse schnattern lassen können. Auf einer Gaststrecke können eigene, von den Besuchern mitgebrachte Lokomotiven zum Einsatz gebracht werden.

Eröffnung am 25. Juni

Wenn am 25. Juni das Märkli­neum seine Türen für Modellbahnfreunde öffnet, wird die Anlage fahrfähig aber noch nicht fertig sein. „Wir wollen zeigen, mit welch einfachen Mitteln tolle, individuelle Gestaltungen möglich sind, wie unkompliziert man das Original ins Modell holen kann“, erklärt Eric-Michael Peschel. In einem Eck der Anlage werden dann Modellbauer bei der Arbeit zu sehen sein. Gedanken machen sich die Verantwortlichen auch schon über einen Weiterbau, denn „eine fertige Anlage ist langweilig“, erklärt der Pressesprecher.

Von einem vier Meter hohen Balkon ist ein Überblick der ganzen Anlage möglich. Dafür wurde eigens eine Zwischendecke in dem 1972 erbauten Gebäude entfernt – kein einfaches Unterfangen im tiefsten Geschoss eines Gebäudes. Dennoch werden einmal problemlos bis zu 300 Personen gleichzeitig die Anlage bestaunen und in Augenschein nehmen können.

Aus der Not des erforderlichen Fluchtwegs, der nicht verbaut werden kann, machten die Planer eine faszinierende Tugend: Die derzeit im Bau befindliche Wiesensteiger Bahnbrücke wird man als drei Meter hohe und fünf Meter lange Brücke im Modellmaßstab als Verbindungsstück beider Anlagenteile bald auch im Märklineum finden. Dort werden dann ebenfalls ICEs und TGVs drüberpfeifen.

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