Zwischen Neckar und Alb

Die ersten Minuten zählen

Erste Hilfe Zu wenige Menschen trauen sich, einen anderen Menschen wiederzubeleben. Dabei sind bei einem Herzstillstand gerade die ersten Minuten, bis der Rettungsdienst eingetroffen ist, entscheidend. Von Roland Kurz

Bei Erster Hilfe gilt: Falsch machen geht nicht. Nur nichts tun ist ein Fehler. Foto: Markus Brändli
Bei Erster Hilfe gilt: Falsch machen geht nicht. Nur nichts tun ist ein Fehler. Foto: Markus Brändli

Wir haben einen der besten Rettungsdienste der Welt“, sagte der stellvertretende Ärztliche Direktor der Kirchheimer Medius-Klinik kürzlich auf der Kommunalen Gesundheitskonferenz im Esslinger Landratsamt. In 18 Prozent der Notfälle ist er nach sechs Minuten vor Ort, in 61 Prozent der Fälle nach zehn Minuten. Aber bei einem Herzstillstand gehen die Überlebenschancen nach zehn Minuten in Richtung null. „Deshalb geht es darum, die ersten Minuten zu überbrücken“, betont Lukaschewski. In Deutschland werden jährlich etwa 75 000 Menschen reanimiert. Die Zahl für den Landkreis Esslingen kann der Chefarzt der Kirchheimer Anästhesie nur grob schätzen: 260 bis 470 Reanimationen. Er geht aber davon aus, dass nur zehn bis zwölf Prozent von ihnen ohne bleibende Schäden das Krankenhaus verlassen.

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Bei einem Kreislaufstillstand ist meistens das Herz die Ursache: Kammerflimmern. „Da kann man helfen“, sagt Lukaschewski, aber Erfolg versprechend ist die Reanimation vor allem in den ersten drei bis vier Minuten. Wenn man bedenkt, dass häufig zwei bis drei Minuten vergehen, bevor der Rettungsdienst überhaupt alarmiert worden ist, weiß man, welche Bedeutung den Umherstehenden zukommt. 65 Prozent der Herzstillstände geschehen in häuslicher Umgebung, zehn Prozent im Betrieb. Zudem verhalten sich Menschen je nach Umgebung unterschiedlich. Zu Hause greifen nur knapp zwölf Prozent bei einem Herzstillstand ein, im Betrieb immerhin fast 34 Prozent.

Bei dieser sogenannten „By­stand-Reanimation“ sieht es in Deutschland vergleichsweise schlecht aus. Nur in 22 Prozent aller beobachteten Herzstillstände greifen die Umstehenden ein. In Holland sind es 70 Prozent. Durch Aufklärung könne man das Verhalten deutlich ändern, ist Lukaschewski überzeugt. In Schweden beispielsweise ist die Hilfe-Quote innerhalb von 20 Jahren von 30 auf 70 Prozent verbessert worden.

Kampagne im September

Damit die Unsicherheit der Beobachtenden geringer wird, will Lukaschewski gemeinsam mit dem Gesundheitsamt eine Kampagne starten. Dies passiert vom 18. bis zum 22. September auch bundesweit durch die Berufsverbände der Anästhesisten und Intensivmediziner. Im öffentlichen Bereich, wo es viel Publikumsverkehr gibt, sollen die Aufklärer mit Puppen auftauchen, an denen die Menschen die Reanimation üben können. Lukaschwski will ermutigen: „Sie können nichts falsch machen! Nur nicht helfen ist falsch.“ Walter Kontner, Leiter des Gesundheitsamtes, kündigte an, man werde Kooperationspartner für diese Kampagne suchen. Dabei geht es um Ämter, Schulen, Firmen und Banken, die große Räume bereitstellen. Der Arzt setzt da­rauf, dass Mitarbeiter der Rettungsdienste an der Kampagne teilnehmen, ebenso Ärzte der Kliniken.

So funktioniert die Wiederbelebung

Prüfen Prüfen Sie, ob die betroffene Person reagiert: Schütteln Sie sie leicht an den Schultern. Fragen Sie laut: „Ist alles in Ordnung?“ Keine Reaktion: Machen Sie den Atemweg frei. Kontrollieren Sie die Atmung des Bewusstlosen.

Rufen Keine normale Atmung? Veranlassen Sie den Notruf 112. Lassen Sie einen Defibrillator holen.

Drücken Beginnen Sie sofort mit Herzdruckmassage: Legen Sie Ihre Handballen mitten auf die Brust. Drücken Sie das Brustbein mindestens fünf Zentimeter nach unten. Wiederholen Sie das mit einer Frequenz von 100 pro Minute (auf Atemspende wird bewusst verzichtet. Es ist noch genug Sauerstoff im Kreislauf). Wenn der Defibrillator verfügbar ist: einschalten und Elektroden kleben. Folgen Sie den Anweisungen des Geräts. Fahren Sie mit der Druckmassage fort, bis der Patient sich bewegt und normal atmet oder der Rettungsdienst übernimmt. pm